Im Sommer 1944 zerbrach die deutsche Herrschaft im Baltikum innerhalb weniger Wochen. Anfang Juli überschritt die Rote Armee die litauische Grenze; am 13. Juli fiel Wilna (Vilnius), am 22. September Reval (Tallinn), am 13. Oktober Riga. Am 10. Oktober 1944 stieß die 5. sowjetische Garde Panzerarmee bei Memel (Klaipeda) zur Ostsee durch und schnitt die in Kurland eingeschlossene Heeresgruppe Nord vom „Reich“ ab. Was im Juli noch als drei Generalbezirke unter Reichskommissariat Ostland bestanden hatte, war binnen dreier Monate auf einen Brückenkopf um die Häfen Libau (Liepaja) und Windau (Ventspils) zusammengeschrumpft – ein schmaler Streifen Land, dessen einzige Verbindung nach Westen über die See führte. [1]
Auf diesem Seeweg setzte im Sommer 1944 eine Verschiffungsbewegung ein, die bis hinein in den Oktober und November 1944 anschwoll. In dieser Zeit wurden zehntausende Zivilisten aus Kurland nach Westen gebracht. Hafenbücher der Kriegsmarinedienststellen verzeichnen nebeneinander evakuierte Letten, Säuglinge eines Säuglingsheims, lettische Polizei, reichsdeutsche Verwaltungsangehörige – neben Soldaten, Verwundeten und Kriegsmaterial. Gegen Jahresende kam die Verschiffung von Zivilisten aber nahezu zum Erliegen, nicht abrupt, sondern die monatlichen Personenzahlen sanken Monat für Monat um etwa die Hälfte, bis sie im Februar 1945 nahezu null erreichten. Im selben Februar verließen weiterhin Schiffe die kurländischen Häfen westwärts, aber – gemäß der [mir] bekannten Quellen – ausschließlich mit militärischer Fracht inkl. Soldaten und Verwundeten. Die Schiffe fuhren weiter, die Geleitzüge funktionierten, die Häfen blieben benutzbar, nur die Zivilbevölkerung war nicht mehr an Bord, obwohl zu diesem Zeitpunkt nachweislich noch eine erhebliche Zahl von Zivilisten in Kurland war, darunter Menschen, die ausdrücklich als auf einen Abtransport wartende Flüchtlinge erfasst worden waren. Die übergroße Mehrheit von ihnen geriet im Mai 1945 in den Kapitulationsraum der Heeresgruppe Kurland.
Was war geschehen? Warum versiegte die Zivilverschiffung, während die Schifffahrt selbst weiter lief? Warum gerade dann, als zeitgleich aus Ostpreußen und der Danziger Bucht eine der größten seewärtigen Räumungsoperationen des Zweiten Weltkriegs anlief, die in den folgenden Monaten Hunderttausende von Flüchtlingen über die Ostsee in den Westen brachte? Diese Fragen sind der Ausgangspunkt der folgenden Untersuchung. Sie verfolgt den Verlauf der Verschiffung, die Personengruppen an Bord und die Gründe ihres Bruchs in drei aufeinander aufbauenden Hauptkapiteln.
Die seewärtige Verschiffung aus den baltischen Häfen erreichte im Herbst 1944 ihren Höhepunkt und ging ab Mitte November in einen gestaffelten Rückgang über; im Februar 1945 war die zivile Verschiffung aus Kurland trotz weiter funktionierender Schiffslogistik nahezu zum Stillstand gekommen. Aus den Häfen Reval (Tallinn), Riga, Libau (Liepāja) und Windau (Ventspils) sind zwischen Juli 1944 und Februar 1945 zusammen rund 150 Fahrten mit Zivilanteil dokumentiert. Die folgende Darstellung rekonstruiert diesen Verlauf anhand der Datenbank Flucht über die Ostsee 1944/1945, die Thomas Weis aus Kriegstagebüchern der Kriegsmarinedienststellen, ULTRA- Funksprüchen, Forschungsliteratur und einer Reihe von Erlebnisberichten zusammengestellt hat (Weis 2024). [2]
Die Darstellung verfolgt zwei Ziele. Erstens soll der quantitative Verlauf der Verschiffung nach Hafenregion und Monat dokumentiert werden, einschließlich des Rückgangs zwischen Mitte November 1944 und Februar 1945. Zweitens soll der Stillstand der Kurland-Verschiffung in Beziehung gesetzt werden zur gleichzeitig anlaufenden Massenevakuierung aus Ostpreußen und der Danziger Bucht im Rahmen des Unternehmens „Hannibal“ ab dem 23. Januar 1945; die regionale Asymmetrie zwischen beiden Hafenräumen schließt eine Erklärung des Bruchs durch ein generelles Erlahmen der Ostsee-Schifffahrt auch die Gründe für den Bruch in Kurland werden in Kapitel IV behandelt.
H. Schön datiert den Beginn der baltischen Räumung auf den 25. Juli 1944, mit Reval und Riga als ersten Ausgangshäfen (Schön 2012, 102); die HMA-Fahrtendatenbank verzeichnet für Juli 1944 zwei baltische Fahrten mit Zivilanteil aus Kurland. Im August stieg die Frequenz auf 35 Fahrten, mit Riga als Schwerpunkt (22 Fahrten); im September verlagerte sich der Schwerpunkt nach Estland (26 von 36 Fahrten aus Reval, Pernau und den estnischen Inseln). Mit dem 22. September 1944 endete die estnische Verschiffungsphase, einen Tag nach dem letzten Auslaufen aus Reval; Riga fiel am 13. Oktober 1944. Schön charakterisiert diese Verschiebung als Übergang von einem „Nebenkriegsschauplatz" zu einem „Hauptkriegsschauplatz" der Ostsee (Schön in Surminski 2012, 102), die nun über die kurländischen Häfen Libau und Windau auf den Seeweg konzentriert wurde.
Für die lettische Komponente der Welle datiert Kangeris (2016, 119) den Beginn präziser auf den 3. August 1944, als das erste Schiff mit zur Evakuierung bestimmten Personen lettischer Nationalität Riga verließ. Die Verschiffung erfolgte zunächst nach einem strikten Genehmigungsverfahren: Ausreiseberechtigt waren ausschließlich die deutscherseits anerkannten Kollaborateurs-Kategorien C 3 und C 2 mit ihren Familien sowie die Fachspezialisten mit ihren Familien; Männer unter 48 Jahren waren generell von der Ausreise ausgeschlossen (Kangeris 2016, 118). Bis zum 26. August 1944 wurden auf dieser Grundlage 10.500 Zivilisten aus Riga evakuiert, bis zum 7. September 12.848 Personen, von denen jedoch 4.800 Reichsdeutsche oder „deutschstämmige" Personen waren – tatsächlich verließen also 8.048 Letten in dieser Phase Riga. Die demographische Aufschlüsselung der zwischen 26. August und 7. September verschifften 2.348 Letten zeigt das Profil der frühen Welle: 577 Männer (25 Prozent), 1.264 Frauen (50 Prozent), 507 Kinder (25 Prozent) – ein deutlich frauen- und kinderlastiges Bild, das die Sperrung der Männerausreise in der ersten Phase widerspiegelt (Kangeris 2016, 119).
Anfang/Mitte September unterbrachen die Riga-Verschiffungen für rund zwei Wochen, weil die gesamte Schiffskapazität für die Räumung Revals und der estnischen Häfen benötigt wurde (Kangeris 2016, 120). Auf einer der letzten Reval-Fahrten lief am Abend des 21. September 1944 der Frachter Moero mit etwa 700 Verwundeten, 500 Flüchtlingen, 37 Mann Besatzung und 49 Mann Bordflak aus. Am Vormittag des 22. September wurde das Schiff westlich von Windau von Flugzeugen des 1. sowjetischen Garde- Minen- Torpedo- Fliegerregiments versenkt; rund 632 Personen kamen ums Leben. [3] Der Augenzeugenbericht des estnischen Schuldirektors Oskar-Wilhelm Paas (1964) bestätigt den 21. September als Auslaufdatum, ebenso die offizielle Verlautbarung der Republik Estland zum 80. Jahrestag der Flucht (Eesti Vabariigi Välisministeerium 2024).
Nach der Wiederaufnahme des Riga-Verkehrs am 23. September verließen bis zum 8. Oktober weitere 23.474 lettische Zivilisten den Hafen (Kangeris 2016, 120). Hinzu kamen rund 10.000 Personen, die zwischen Mitte September und der Räumung Rigas am 13. Oktober per Bahn über die im September fertiggestellte Strecke Riga–Sloka–Saldus–Liepāja nach Westen gelangten. Insgesamt brachte die seewärtige Verschiffung aus Riga zwischen 3. August und 10. Oktober 1944 rund 34.000 Personen lettischer Nationalität nach Westen (Kangeris 2016, 121). [4] Mit dem Verlust Revals und Rigas verlagerte sich die Verschiffungstätigkeit ab Oktober 1944 vollständig nach Kurland. Eine zweite Zäsur kam unmittelbar hinzu: Am 10. Oktober 1944 stieß die 5. sowjetische Garde-Panzerarmee bei Memel zur Ostsee durch und unterbrach die Landverbindung Kurlands ins Reich. Damit wurde der Seeweg über Libau und Windau zur einzigen verbliebenen Ausreiseroute für die in Lettland befindliche Bevölkerung. Die in Kurland eingeschlossene Heeresgruppe Nord (am 25. Januar 1945 in Heeresgruppe Kurland umbenannt) hielt fortan diese beiden Häfen, die nun zu den einzigen baltischen Verschiffungspunkten wurden. Im Oktober 1944 verzeichnet die HMA-Datenbank 27 Kurland-Fahrten mit Zivil- oder Evakuiertenanteil – mehr als das Fünffache der fünf entsprechenden Fahrten in den drei Vormonaten Juli, August und September zusammengenommen. [5]
Die quantitativen Aggregate für die Phase Juli bis Oktober 1944 lassen sich auf zwei komplementären Bezugsebenen ausweisen. Die Auszählung der HMA-Datenbank im erweiterten Filter ergibt für die vier Häfen Reval, Riga, Libau und Windau zusammen rund 120 Fahrten mit Zivilanteil und etwa 199.000 dokumentierten Personen ohne Differenzierung nach Nationalität; eingeschlossen sind dabei lettische, estnische und reichsdeutsche Zivilisten, evakuierte Russen, OT-Arbeiter und Häftlinge. Kangeris kommt auf Grundlage des Kriegstagebuchs des Heereswirtschaftsführers beim Oberkommando der Heeresgruppe Nord für die ausschließlich lettischen Zivilflüchtlinge auf 82.500 Personen aus den drei lettischen Häfen (Riga 34.000, Libau 40.000, Windau 8.500), zusätzlich rund 20.000 Personen über den Landweg, also insgesamt 102.500 lettische Zivilflüchtlinge bis Anfang 1945 (Kangeris 2016, 125) [6]. Diese Zahl liegt deutlich unter den älteren Schätzungen von 175.000 bis 250.000 lettischen Zivilflüchtlingen, die noch in jüngeren Standardwerken übernommen wurden (Strods 1994, 133; Bleiere u. a. 2008, 470).
Für die Bevölkerungsbilanzen der baltischen Staaten bedeuten diese Zahlen unterschiedliche Anteile. Nach Kangeris’ Korrektur entsprechen 102.500 lettische Zivilflüchtlinge etwa 5,5 Prozent der lettischen Vorkriegsbevölkerung; rechnet man die in Deutschland eingesetzten Soldaten (40.000), die KZ-Häftlinge (mindestens 10.000) und die schon vor Sommer 1944 abtransportierten Personen (18.500) hinzu, kommt Kangeris (2016, 126, Tabelle 8) auf insgesamt 171.000 Letten in Deutschland Anfang 1945. Für die parallele estnische Welle nennt die Republik Estland 70.000 bis 80.000 Personen (Eesti Vabariigi Välisministeerium 2024).
Die Kurland-Verschiffung erreichte ihren Höhepunkt zwischen Mitte Oktober und Mitte November 1944. Die HMA-Datenbank verzeichnet für Oktober 31 und für November 36 Fahrten mit Zivil- oder Evakuiertenanteil aus Libau und Windau, mit zusammen rund 93.700 dokumentierten Personen. [7] Kangeris (2016, 124, Tabelle 6) beziffert auf Grundlage des Kriegstagebuchs des Heereswirtschaftsführers Heeresgruppe Nord die Zahl der bis zum 24. Oktober 1944 aus Libau verschifften Letten auf 16.981 und aus Windau auf 6.400; bis zum 15. November steigen diese Werte für Libau auf 31.014, bis zum 15. Dezember auf 35.346 (Libau) bzw. 8.026 (Windau) [8] . Diese Phase entspricht in Nollendorfs’ Drei- Phasen- Modell der zweiten Phase, in der die Evakuierung ab Ende September 1944 von der gezielten Erfassung „besonders Gefährdeter“ auf breitere Bevölkerungsgruppen ausgedehnt wurde: „Menschen wurden auf der Straße aufgegriffen und auf Schiffe verladen" (Nollendorfs 2018, 3). Der Übergang spiegelt sich auch in der formellen Lockerung der Genehmigungsverfahren wider: Am 29. September rief der SS- und Polizei-Höhere-Führer Friedrich Jeckeln alle Rigaer zur Evakuierung auf, am 5. Oktober wurde jede Genehmigungspflicht aufgehoben (Kangeris 2016, 119).
Die Anmerkungsspalte der HMA-Datenbank dokumentiert für die Hauptphase entsprechend heterogene Mischladungen, etwa 2.005 Evakuierte und 404 Soldaten auf der Mar del Plata am 1. November 1944, 1.225 evakuierte Letten und 338 Säuglinge eines Säuglingsheims auf der Lappland am 24. Oktober 1944, oder 2.400 Mann lettische Polizei mit 400 Zivilisten und 24 Bewachern auf der Tanga Ende Oktober 1944. Aus der demographischen Strukturauswertung von Kangeris (2016, 125) für die Libau- und Windau-Verschiffungen bis zum 15. Dezember 1944 ergibt sich folgendes Bild: 27,4 Prozent Männer, 38 Prozent Frauen, 34,6 Prozent Kinder, von den Erwachsenen 65 Prozent als arbeitsfähig eingestuft.
Ab Mitte November 1944 setzte ein gestaffelter Rückgang ein. Die monatliche Frequenz der Kurland-Fahrten mit Zivilanteil sank von 36 (November) auf 17 (Dezember), fünf (Januar 1945) und zwei (Februar 1945). Die dokumentierten Personenzahlen folgen diesem Trend: rund 41.200 im November, 18.100 im Dezember, 4.700 im Januar, 2.200 im Februar. Die annähernde Halbierung jeweils gegenüber dem Vormonat über vier Monate hinweg ist das Charakteristikum des Rückgangs; sie schließt eine Erklärung durch einen einzelnen, erst Anfang 1945 einsetzenden Auslöser bereits hier aus. Im Februar 1945 fuhren ausweislich der HAMA-Fahrtendatenbank weitere rund 66 Schiffe aus Libau und Windau westwärts; ihre Anmerkungsspalten weisen sie aber bis auf zwei Ausnahmen als reine Soldaten- und Verwundetenrückführungen aus, die im Zuge der Versorgung der Heeresgruppe Kurland operierten. Aus Windau wurden ab der zweiten Dezemberhälfte 1944 keine lettischen Zivilflüchtlinge mehr nach Westen verschifft (Kangeris 2016, 125); aus Libau erreichten zwischen Mitte Dezember und den ersten Januarwochen 1945 noch weitere 2.256 Personen Deutschland. Die Schiffe und ihre Geleite waren also weiter im Einsatz, aber nicht mehr für die Zivilbevölkerung.
Der Befund ist methodisch belastbar. Die HMA-Fahrtendatenbank wurde in zwei Filterstufen durchgeführt – ein enger Filter (nur ausdrücklicher Vermerk „Flüchtling") und ein erweiterter Filter (zusätzlich „Evakuierte", „Zivilist", „Zivilperson"). Beide Stufen zeigen denselben Trend, mit lediglich verschobenem Spitzenwert (Oktober im engen, Oktober/November im erweiterten Filter); die Trendaussage ist damit gegen Filteränderungen robust. Auch Kangeris’ unabhängig erhobene Daten aus dem Kriegstagebuch des Heereswirtschaftsführers Heeresgruppe Nord ergeben für Libau und Windau denselben Verlauf: Höhepunkt Oktober/November, scharfe Abnahme im Dezember, Einstellung der Windau-Verschiffung Mitte Dezember, Versiegen der Libau-Verschiffung in den ersten Januarwochen 1945.
Der Stillstand der Kurland-Verschiffung fällt nicht zusammen mit einem allgemeinen Erlahmen der Ostsee-Operationen. Aus den Häfen Pillau, Königsberg, Memel, Danzig, Gotenhafen, Hela und Elbing fuhren im Januar 1945 zusammen 76 Fahrten mit Zivilanteil und etwa 54.000 Personen, im Februar 116 Fahrten mit etwa 138.000 Personen. Im selben Februar verzeichnete Kurland gerade noch zwei Fahrten mit zusammen rund 2.200 Personen.
Diese regionale Asymmetrie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Beginn des Unternehmens „Hannibal“ am 23. Januar 1945, mit dem die Kriegsmarine die seewärtige Räumung Ostpreußens und der Danziger Bucht aufnahm. Die operative Verlagerung lässt sich auch innerhalb des Januars 1945 nachvollziehen: Vom 1. bis 20. Januar verzeichnet die HMA-Fahrtendatenbank für die genannten Häfen zusammen lediglich zwei Fahrten mit Zivilanteil; vom 21. bis 31. Januar dagegen 74 solcher Fahrten. Eine zusätzliche operative Restriktion benennt H. Schön bereits für den Spätherbst 1944: In den Anlandehäfen Danzig und Gotenhafen stauten sich die Flüchtlingsmassen, weil die Kapazitäten der Bahn nicht mehr ausreichten, um die Angelandeten ins Reichsinnere abzutransportieren (Schön in Surminski 2012, 103). Schiffe, die in Gotenhafen ihre Passagiere nicht zeitnah ausschiffen konnten, standen für eine erneute Ostfahrt nicht zur Verfügung – ein Effekt, der durch den anlaufenden Abtransport von Flüchtlingen aus anderen Häfen weiter verstärkt wurde.
Aus der Datenlage ergeben sich drei Befunde. Erstens: Die seewärtige Räumung des Baltikums erreichte zwischen Mitte Oktober und Mitte November 1944 ihren Höhepunkt; in diesen vier bis fünf Wochen wurden aus Libau und Windau zusammen rund 62.600 Personen verschifft, in den vollen beiden Monaten Oktober und November rund 93.700. Zweitens: Bereits ab Mitte November 1944 setzte ein gestaffelter Rückgang ein, der sich über drei Monate hinzog und im Februar 1945 zu einem nahezu vollständigen Stillstand der Kurland-Verschiffung führte. Drittens: Der Stillstand vollzog sich parallel zu einer Vervielfachung der Schiffsbewegungen aus Ostpreußen und der Danziger Bucht im Rahmen des Unternehmens „Hannibal", die im Februar 1945 ein Niveau erreichten, das den baltischen Höhepunkt des Vorjahres deutlich überstieg.
Die Frage, warum die Kurland-Verschiffung zum Erliegen kam, während die Ostsee-Schifffahrt insgesamt expandierte, ist damit aufgeworfen, aber noch nicht beantwortet. Sie wird in Kapitel IV behandelt. Vorab ist in Kapitel III zu klären, welche Personengruppen in den hier dokumentierten Verschiffungen aus dem Baltikum überhaupt fuhren.
Die aus dem Baltikum und insbesondere aus Kurland in der zweiten Jahreshälfte 1944 abtransportierten Zivilisten stellten keine homogene Gruppe dar, sondern eine heterogene Bevölkerung mit komplexen und teils widersprüchlichen Motivlagen (Antons 2017, 254). Die Frage nach Freiwilligkeit oder Zwang lässt sich nicht dichotomisch beantworten, sondern erfordert eine differenzierte Betrachtung der einzelnen Personengruppen, ihrer sozialen Stellung, politischen Überzeugungen und individuellen Handlungsspielräume.
Analytisch lassen sich – ausgehend von der vorliegenden Forschungsliteratur – sechs Gruppen unterscheiden: erstens prioritär Evakuierte (Funktionseliten, Spezialisten, Verwaltungsbeamte, Polizei, Familien von Legionären); zweitens Zwangsevakuierte und Zwangsarbeiter ohne eigenen Entscheidungsspielraum; drittens eine „graue Zone“ zwischen Zwang und Wahl, vor allem ostlettische Flüchtlinge in Kurland und die in Trecks von der Front Eingeholten; viertens bewusst Bleibende aus politischen oder weltanschaulichen Gründen (lettische Nationalisten, Wehrdienstflüchtige, Sozialdemokraten); fünftens Bleibende aus Fehleinschätzung des Kriegsausgangs; sechstens nicht- gehen- Könnende (Kranke, Verwurzelte, von der Front Überrollte).
Diese sechs Kategorien sind sekundär-analytisch und decken sich nicht mit den deutlich gröberen Kategorien der zeitgenössischen Hafenbücher und Bordpapiere, die Zivilisten in der Regel nur unter Etiketten wie „Flüchtlinge“, „Evakuierte“, „Zivilisten“, „russische Arbeiter“ oder „Verwundete“ registrierten. Die hier vorgeschlagene Differenzierung dient daher nicht der Subsumption der einzelnen Schiffsmanifeste, sondern der Frage, ob in der zeitlichen Abfolge der Verschiffungen eine systematische Verschiebung der dominierenden Personengruppen erkennbar wird, die einen Teil des in Kapitel II dokumentierten Verlaufs der Zivilabtransporte erklären könnte. Die Darstellung folgt einer Phasenlogik mit zwei Querschnitten: Sie verfolgt, welche Gruppen in welcher Phase der Verschiffung dominierten, behandelt die parallel laufenden Sauckel- Verschickungen und die quantitativ-demographische Bilanz nach Kangeris in eigenen Abschnitten und fragt abschließend, was das für das Profil der nach Mitte November 1944 in Kurland verbliebenen Bevölkerung bedeutet.
Zur Größenordnung: Die Gesamtfluchtbewegung aus Lettland 1944/45 wird auf rund 200.000 Menschen geschätzt – etwa zehn Prozent der lettischen Bevölkerung (Lauska 2007, 220). Für Litauen schätzt Laukaitytė (2020, 70) die zivile Kriegsfluchtbewegung des Sommers 1944 auf rund 80.000 Personen; zusammen mit den 70.000–75.000 zwischen 1941 und 1944 ins Reich verschleppten Zwangsarbeitern sowie Verlusten und Bewegungen in beiden Richtungen befanden sich am Kriegsende rund 120.000 Litauer in Deutschland und Österreich. Diese Zahlen bilden den quantitativen Rahmen, innerhalb dessen die folgende Phasenanalyse sich bewegt.
Vorab ist eine Einschränkung anzubringen: Eine vollständige Aufklärung der Selektionslogik aller Gruppen ist auf Grundlage der vorhandenen Forschungsliteratur nicht möglich. Der Kriegsverlauf selbst, marineoperative Engpässe und strategische Entscheidungen der politischen und militärischen Führung wirkten ebenfalls auf das, was tatsächlich verschifft wurde – diese externen Faktoren werden in Kapitel IV behandelt. Was die Personengruppen- Analyse dieses Kapitels leisten kann, ist der Nachweis, dass und in welchem Umfang vor Ort eine Selektion stattfand und wie sich das Profil der Verschifften über die Zeit verschob.
Die deutsche Selektion baltischer Personengruppen für den Abtransport ins Reich hatte eine längere Vorgeschichte. Parallel zur seit 1942 laufenden Sauckel- Praxis (Abschnitt 3) trafen die Reichsleitung und die deutsche Besatzungsverwaltung in der ersten Hälfte 1944 die zentralen Vorbereitungen für eine geordnete Räumung des Baltikums.
Im Februar 1944 wurde eine deutsche Sonderkommission gebildet, die bis Ende Juni Pläne für die Evakuierung oder Vernichtung von Behörden, Handel, Rohstoffen und beweglichen Gütern aufstellen sollte (Laukaitytė 2020, 66).
Im März 1944 erließ die Reichsleitung eine geheimzuhaltende Anweisung, aus Estland, Lettland und Litauen rund 500.000 Einwohner zu deportieren, gegliedert in drei Kategorien: erstens bekannte Intellektuelle (allein 5.000 aus Litauen); zweitens „den Deutschen angediente Personen“ und Spezialisten (insgesamt rund 40.000 aus den drei baltischen Ländern); drittens alle Balten und ihre Familien, die bei den deutschen Streitkräften und der Polizei dienten (Laukaitytė 2020, 66). Diese Anweisung ist für die spätere Verschiffungslogik von erheblicher Bedeutung: Sie dokumentiert die offizielle Hierarchie der zu evakuierenden Personen und definiert damit den Personenkreis, der von der deutschen Seite mit Priorität abtransportiert werden sollte. Diese drei Kategorien decken sich weitgehend mit der ersten der hier unterschiedenen analytischen Gruppen – prioritäre Funktionseliten und Kollaborateure.
Auf der Seite der baltischen Selbstverwaltungen entstanden parallele Planungen, deren Umsetzung jedoch zögerlich verlief. Der litauische Evakuierungsplan wurde am 30. März 1944 vom Generalkommissar gebilligt; Oberst Jonas Šlepetys war für die Evakuierung der Stadtbewohner zuständig, Ingenieur Algirdas Prapuolenis erarbeitete einen detaillierten Plan für Kauen (Kaunas), der die Evakuierung von rund 62.000 Menschen in sechs Zonen mit sieben Barackenstandorten vorsah (Laukaitytė 2020, 64–65). Die Selbstverwaltung wagte es allerdings bis Anfang Juli 1944 nicht, mit der Umsetzung zu beginnen: Sie wollte nicht als defätistisch gelten und fürchtete zugleich, dass eine deutsch-organisierte Evakuierung mit Industriedemontage und Hinrichtungen verbunden sein würde (Laukaitytė 2020, 65–66). Die organisierte litauische Evakuierung kam nie zum Tragen; was später geschah, vollzog sich überwiegend in deutscher Regie.
Ein Sonderfall der Vorbereitungsphase verdient gesonderte Erwähnung, weil er eine spezifische Personengruppe gegen ihren Willen in den Abtransportprozess hineinzwang: Die im Februar 1944 unter General Plechavičius aufgestellte litauische Selbstschutztruppe (vietinė rinktinė) wurde im Mai 1944 nach der Weigerung ihrer Stabsführung gegen eine SS-Unterstellung gewaltsam aufgelöst, ihre Führungsoffiziere wurden festgenommen und nach Deutschland abtransportiert; die Einheiten lösten sich von selbst auf (Laukaitytė 2020, 72). Dieser Vorgang ist doppelt instruktiv: Er belegt, dass die deutsche Seite zwangsweise Abtransporte von litauischem Funktionspersonal durch führte, sobald dessen Loyalität in Frage stand, und er zeigt, dass die dritte Kategorie der Reichsleitungs- Anweisung – baltisches Wehrdienstpersonal mit Familien – im litauischen Fall einen Teil ihres vorgesehenen Reservoirs schon vor Beginn der Hauptverschiffungsphase verlor.
Parallel zur in Abschnitt 2 dargestellten Vorbereitungsphase 1944 lief seit 1942 eine eigenständige Logistik der Personenströme aus dem Baltikum ins Reich, die in Größenordnung und Verfahren von der späteren Verschiffung zu unterscheiden ist. Bereits am 21. März 1942 war Fritz Sauckel zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz ernannt worden mit dem Auftrag, eine Million Arbeiter aus den besetzten Ostgebieten zu beschaffen (Myllyniemi 1973, 239). In den folgenden zwei Jahren wurden die ursprünglich freiwilligen Sechsmonatsverträge schrittweise durch direkte Pauschalaktionen ersetzt: Im Herbst 1942 wurden in Lettgallen 8.000 Arbeiter durch Gestapo-Razzien deportiert, bei denen ganze Dörfer umstellt und alle Arbeitsfähigen sofort auf Lastwagen verladen wurden – Eheleute voneinander getrennt, Kinder von Eltern, im Ort konnten nur minderjährige Kinder zurückbleiben (Myllyniemi 1973, 239). In einer Posener Rede am 5. Februar 1943 nannte Sauckel als bisherige Bilanz rund 30.000 estnische und lettische Arbeiter im Reich; Bereits im September 1942 waren 10.000 litausiche Arbeiter „rekrutiert“ worden (Myllyniemi 1973, 239.242).
Die Triangulation der akademischen Quellen ergibt eine konsistente Größenordnung der Gesamtbilanz: Lembeck nennt 130.000 Zwangsarbeiter für das gesamte Baltikum mit rund 20.000 Letten (Lembeck 1997, 134–136); Laukaitytė nennt für Litauen 1941–1944 70.000–75.000 (Laukaitytė 2020, 70). Myllyniemi rekonstruiert auf archivalischer Grundlage die zeitliche Verteilung: Nach Sauckels Konferenz in Kauen am 18. Juli 1943 forderte er von Litauen 30.000 Arbeiter als direkte Pauschalaktion; Generalkommissar von Renteln warnte, solche Aktionen würden die Bevölkerung in die Wälder zu den Partisanen treiben, wurde aber überstimmt (Myllyniemi 1973, 240). Bis zum 1. August 1943 waren aus Litauen 36.627 Arbeiter ins Reich gebracht worden, bis zum 29. Februar 1944 51.765 (Myllyniemi 1973, 241). Eine Mitteilung Rosenbergs an Himmler vom 20. Juli 1944 nennt für die drei baltischen Länder zusammen rund 126.000 Zwangsarbeiter im Reich; eine Erhebung vom Januar 1945 nennt 130.000 (Myllyniemi 1973, 241).
Aus diesen Daten ergibt sich ein analytisch wichtiger Befund. Myllyniemi formuliert auf Grundlage seiner Triangulation: „Vom Jahre 1943 an wurden aus dem Baltikum hauptsächlich nur noch litauische Arbeitskräfte nach Deutschland gebracht“ (Myllyniemi 1973, 242). Dies hat eine doppelte Ursache. Erstens waren die mobilisierbaren Männer in Estland und Lettland zu großen Teilen bereits in den Legionen gebunden, sodass Sauckels Forderung vom April 1943 nach 3.000 estnischen und 10.000 lettischen weiblichen Arbeiterinnen in Lettland an „großen politischen Schwierigkeiten“ der Selbstverwaltung scheiterte und in Estland aufgegeben wurde (Myllyniemi 1973, 240). Zweitens setzten die Zwangsaushebungen rassisch-anthropologisch an. Sie konzentrierten sich räumlich auf bestimmte Regionen, vor allem auf das Gebiet von Wilna (Vilnius) in Litauen und auf Lettgallen. Myllyniemi formuliert: „Besonders schwer betrafen die Zwangsaushebungen von Arbeitskräften in Litauen das Gebiet von Wilna und in Lettland entsprechend die Provinz Lettgallen. Es handelte sich also um Gebiete, in denen nach den nationalsozialistischen Rassenanthropologen eine rassisch unerwünschte Bevölkerung wohnte. Dagegen wurden aus dem Baltikum nicht – anders wie z.B. im Protektorat Böhmen und Mähren – Arbeitskräfte zum Zwecke der Assimilierung nach Deutschland gebracht“ (Myllyniemi 1973, 242). Die Zwangsdeportation aus dem Baltikum war damit ein selektiv extraktiver Personenfluss, der gerade jene Bevölkerungsteile herausgriff, die die nationalsozialistische Rassenideologie als „minderwertig“ kategorisierte. Diese rassisch-anthropologische Selektion wirkte parallel zur funktionalen Hierarchie der Reichsleitungs- Anweisung als zweite, eigenständige Selektionsdimension.
Eine separate, in noch engerem deutschen Vollzug stehende Komponente bildeten die Häftlings und KZ-Verschiffungen. In Lettland werden die zur Verschiffung anstehenden KZ-Häftlinge auf rund 15.000 Personen geschätzt (Nollendorfs 2018, 2). Diese Personenströme liefen in einer eigenen, von der Zivilverschiffung scharf getrennten Logistik; ihre Erwähnung an dieser Stelle dokumentiert die Pluralität der parallelen Personenströme aus dem Baltikum, deren Aggregation für die Gesamtbilanz nicht ohne weiteres mit dem Zivilverschiffungsstrom verrechnet werden kann.
Mit dem Vorrücken der Roten Armee an die litauische Grenze Anfang Juli 1944 setzte die organisierte Verschiffung ein. Die in der Vorbereitungsphase angelegte Hierarchie wurde nun in eine sichtbare logistische Realität überführt; in dieser Phase dominierten drei der hier unterschiedenen Personengruppen das Profil der Verschifften: prioritär Evakuierte, Zwangsevakuierte (Spezialisten der zweiten Reichsleitungs- Kategorie)und deutschfreundliche Bevölkerungsteile.
Den deutlichsten Ausdruck dieser Hierarchie zeigt die Behandlung der Volksdeutschen. Ab dem 2. Juli 1944 evakuierte die deutsche Zivilverwaltung die deutschen Staatsangehörigen, darunter auch die 1942–1943 nach Litauen zurückgebrachten Litauendeutschen. Diese verließen Litauen organisiert mit Pferdewagen, auf Schiffen und in Zügen, konnten größtenteils Vieh und Hab und Gut mitnehmen und erhielten Polizeischutz (Laukaitytė 2020, 67). Die Evakuierung der Funktionsgruppen folgte demselben Muster: Um die Ausreise der Bahnbediensteten kümmerte sich ein eigenes Komitee, das Wagons zur Verfügung stellte; die Fabrikarbeiter der Textilindustrie verließen Kauen, Telschen (Telšiai) und Plungian (Plungė) in Kolonnen zu Fuß, unter Begleitung deutscher Wachen, die von SS-Offizieren befehligt wurden (Laukaitytė 2020, 67–68). Diese drei Beispiele – Volksdeutsche mit Polizeischutz, Bahnbedienstete mit eigenen Waggons, Textilarbeiter unter SS- bewachter Eskorte – dokumentieren, dass die deutsche Seite in dieser Phase logistische Ressourcen gezielt für die in der Reichsleitungs- Anweisung vorgesehenen Prioritätsgruppen einsetzte.
Auch die deutsche Verwaltung selbst evakuierte sich in dieser Phase. Der Generalkommissar von Renteln verlegte seinen Amtssitz am 6. Juli nach Mariampol (Marijampolė) und setzte ab dem 31. Juli seine Arbeit vom deutschen Territorium aus fort (Laukaitytė 2020, 69). Wilna wurde am 13. Juli von der Roten Armee genommen (Laukaitytė 2020, 60). Mit dem Verwaltungsapparat verließen geordnet auch jene litauischen Politiker und Verwaltungsangestellten das Land, die mit der Generalkommissar- Verwaltung kooperiert hatten und nun unter die zweite und dritte Kategorie der Reichsleitungs- Anweisung fielen.
Die intellektuelle Elite war unter den Verschifften deutlich überrepräsentiert. Jacobmeyer hat für die nach Kriegsende in den DP-Lagern erfassten baltischen Flüchtlinge einen außergewöhnlich hohen Anteil von ca. 37 Prozent mit anspruchsvollem Ausbildungshintergrund festgestellt – Künstler, Schriftsteller, Lehrer, Chemiker, Anwälte (Jacobmeyer 1985, 179, zitiert in Lauska 2007, 224). Diese Quote bestätigt rückblickend, was die Reichsleitungs- Anweisung als ersten Kategoriepunkt vorsah: dass die Intellektuellen prioritär abtransportiert wurden. Gleiches gilt für die Familienangehörigen der Soldaten der lettischen Legionen der Waffen- SS und des Ordnungsdienstes – die dritte Kategorie der Reichsleitungs- Anweisung.
Diesen geordneten Transporten stand ein Sonderfall gegenüber, der die andere Seite der „Organisation“ zeigt: die Deportation des Kaunas-Ghettos im Juli 1944. Die letzten jüdischen Überlebenden wurden in Konzentrationslager nach Polen und Deutschland abtransportiert (Laukaitytė 2020, 67) – ein Vorgang, der die Logik dieser Phase besonders scharf zeigt: Auch organisierte Verschiffungen unter deutscher Regie konnten der Vernichtung der Verschifften dienen.
Die deutschfreundliche Bevölkerung Lettlands nahm den Abtransport ins Reich – allem Anscjeinanch – bereitwillig an, da sie zu Recht sowjetische Vergeltung fürchtete (Nollendorfs 2018, 3; Felder 2007, 143). Die Erinnerung an die erste sowjetische Besatzung 1940–1941 mit ihren Deportationen, Erschießungen und Massenverhaftungen war frisch; bereits Eisenbahner und Lehrer galten in sowjetischer Perspektive als „faschistische Helfershelfer“ (Antons 2017, 254). Die Befürchtungen erwiesen sich retrospektiv als begründet: Nach dem Krieg wurden über 400.000 Menschen in den ehemals besetzten Gebieten wegen Kollaboration verurteilt (Antons 2017, 254). Für die Phasenlogik der Verschiffung ist entscheidend, dass diese hochmotivierte Personengruppe in der Anschwellphase Juli–September 1944 ohne Zwang erreichbar war.
Bereits am Ende dieser Phase setzte eine Bewegung ein, die das Profil der verschifften Bevölkerung ein zweites Mal verschob. Als im August 1944 ein sowjetischer Panzerkeil von Litauen aus in Kurland einfiel, brach unter der Bevölkerung Panik aus, die in eine Massenflucht mündete (Felder 2007, 143). Damit erreichte ein Strom von ostlettischen Flüchtlingen Kurland, der in den folgenden Wochen zu einem Großteil des Reservoirs für die nachfolgende Hauptphase wurde – die dritte der hier unterschiedenen analytischen Gruppen, die „graue Zone“.
Im Oktober und in den ersten Wochen des November 1944 erreichte die Verschiffung ihren Höhepunkt. In dieser Phase verschob sich das Profil der Abtransportierten deutlich: Während die prioritär Evakuierten der Anschwellphase – Funktionseliten, Spezialisten, deutschfreundliche Bevölkerung – zu großen Teilen bereits verschifft waren, traten nun zwei weitere Personengruppen in den Vordergrund: Zwangsevakuierte aus breiteren Bevölkerungsschichten und Personen aus der „grauen Zone“.
Charakteristisch für diese Phase ist die Aufweichung des Selektionsprinzip. Bereits ab Anfang Oktober 1944 intensivierte sich die Zwangsevakuierung erheblich; sie nahm die Form einer polizeilichen Aufgreif- Praxis an: Menschen wurden „auf der Straße aufgegriffen und auf Schiffe verladen“, wie Nollendorfs berichtet (Nollendorfs 2018, 3). Die deutsche Besatzungsmacht weitete den Evakuierungsbefehl auf breitere Bevölkerungsgruppen aus und griff dabei zunehmend zu Zwangsmaßnahmen (Antons 2017, 258). Besonders die „arbeitsfähige“ Bevölkerung – definiert als Männer zwischen 14 und 55 Jahren sowie Frauen zwischen 14 und 45 Jahren – wurde systematisch zur Evakuierung gezwungen (Antons 2017, 257). Diese Menschen waren möglicherweise lieber in Lettland geblieben, hatten aber keine Wahl mehr (Nollendorfs 2018, 3).
Die Ostlettland-Flüchtlinge, die im August und September nach Kurland gekommen waren, fielen in dieser Phase in zwei Subgruppen auseinander. Ein Teil nahm die jetzt verfügbaren Schiffstransporte an, oft weniger aus Überzeugung als deshalb, weil ihnen in Kurland keine andere Alternative blieb: Sie waren bereits aus ihrer Heimat vertrieben, hatten ihre Höfe und ihre Lebensgrundlage verloren und befanden sich nun in einer zweiten Frontlage. Die städtische Bevölkerung verließ alles und nutzte Bahntransporte, während die ländliche Bevölkerung in großen Trecks mit Pferd, Wagen und Habseligkeiten zog (Antons 2017, 258). Menschen in Trecks, die von der Front eingeholt zu werden drohten, wurden in Güterwaggons am Dnjepr- Übergang verladen; Familien mussten ihre Fuhrwerke zurücklassen und wurden unter chaotischen Bedingungen abtransportiert (Antons 2017, 258). Ein anderer Teil dieser Flüchtlinge – und das wird für die folgende Phase wichtig – verweigerte sich der weiteren Bewegung ins Reich und blieb in Kurland.
Ein entscheidender Faktor in dieser Phase war die soziale Selektion: Wer hatte überhaupt die Möglichkeit zu fliehen, und wer konnte zwischen Optionen wählen? Die höheren sozialen Schichten verfügten über Kontakte, Ressourcen und Informationen, die ihnen bessere Fluchtchancen und -bedingungen eröffneten (Antons 2017, 254). Alleinstehende wurden häufig zur Arbeit eingesetzt, während Familien zusammengehalten wurden (Antons 2017, 257). Die Unterschicht ohne Ressourcen und Kontakte hatte oft weder die Mittel noch das Wissen, um rechtzeitig zu fliehen oder sich der Aufgreif- Praxis zu entziehen. Diese sozial selektive Verteilung der Fluchtchancen führte dazu, dass die Zusammensetzung der in dieser Phase Verschifften systematisch verzerrt war: Oberschicht und Mittelschicht waren in den geordneten Transporten der vorhergehenden Phase überrepräsentiert, einfache Arbeiter und ländliche Bevölkerung fanden sich nun in der Hauptphase entweder unter den Aufgegriffenen oder blieben zurück.
Was nach Mitte November in Kurland verbleibt, ist kein zufälliger Querschnitt der Vorkriegsbevölkerung, sondern ein durch die Anschwell- und die Hauptphase selektiv ausgesiebter Rest. Dieser Rest – und seine systematische Zusammensetzung – steht im Zentrum von Abschnitt 7.
Die quantitative Erfassung der lettischen Verschiffungsbewegung ist erst durch die Auswertung des Kriegstagebuchs des Heereswirtschaftsführers beim Oberkommando der Heeresgruppe Nord (BArch-MA, RW 46/29) durch Kangeris (2016) auf eine aktenkundige Grundlage gestellt worden. Die Bestandsaufnahmen dieses wirtschaftsverwaltenden Apparats erfassen die Personenströme, die im Zugriff der Heeresgruppe lagen und über die Genehmigungsverfahren der wirtschaftsadministrativen Stäbe liefen; sie bilden damit einen großen, aber nicht den vollständigen Personenstrom ab. Bewegungen außerhalb dieses Erfassungshorizonts – etwa Verschiffungen über reine Wehrmachts- oder SS- Kanäle, individuelle Ausreisen mit eigenen Mitteln und die LCP- organisierte Schwedenroute – werden hier nicht abgebildet. Innerhalb dieses Erfassungsbereichs ergeben sich folgende Aggregate.
Für die seewärtige Verschiffung lettischer Zivilisten zwischen dem 3. August 1944 und Anfang 1945 ergeben sich aus den drei Häfen 82.500 Personen: Riga 34.000, Libau 40.000, Windau 8.500 (Kangeris 2016, 125). Hinzu kommen rund 20.000 lettische Zivilflüchtlinge, die zwischen Mitte September und Mitte Oktober 1944 auf dem Landweg (Zug und Treck) über die Strecke Riga– Sloka– Saldus– Liepāja Lettland verließen. Insgesamt zählt Kangeris (2016, 125) damit 102.500 lettische Zivilflüchtlinge bis Anfang 1945. Setzt man die Soldaten der Lettischen Legion (rund 40.000), die KZ- Häftlinge (mindestens 10.000) und die schon vor Sommer 1944 ins Reich gebrachten Personen (18.500) hinzu, ergibt sich eine Gesamtbilanz von 171.000 Letten in Deutschland Anfang 1945 (Kangeris 2016, 126, Tabelle 8). Diese Werte unterscheiden sich erheblich von den seit der Nachkriegsliteratur kursierenden Schätzungen von 175.000 bis 250.000 lettischen Zivilflüchtlingen (Strods 1994, 133; Bleiere et al. 2008, 470). Die Differenz erklärt sich aus der unterschiedlichen Erfassungsbasis: Die älteren Schätzungen waren breiter angelegt und schlossen möglicherweise auch Bewegungen außerhalb des wirtschaftsverwaltend erfassten Stroms ein; Kangeris’ Zahl ist dagegen die aktenfundierte Bilanz dieses Stroms.
Die demographische Strukturauswertung zeigt eine deutliche Verschiebung im Verlauf der Verschiffung. In der Frühphase zwischen dem 26. August und dem 7. September 1944 wiesen – laut Kangeris – die zwischen diesen Daten verschifften 2.348 Letten ein Profil von 25 Prozent Männern, 50 Prozent Frauen und 25 Prozent Kindern auf [9] – ein Bild, das durch die deutsche Sperrung der Männerausreise unter 48 Jahren maßgeblich geprägt war (Kangeris 2016, 119).Für die kumulative Aufschlüsselung der Libau- und Windau- Verschiffungen bis zum 15. Dezember 1944 ergibt sich aus den 43.372 erfassten Personen ein deutlich verändertes Bild: 27,4 Prozent Männer, 38 Prozent Frauen, 34,6 Prozent Kinder, von den Erwachsenen 65 Prozent als „arbeitsfähig“ eingestuft (Kangeris 2016, 125). Da diese Aufschlüsselung die gesamte Verschiffung vom August bis Mitte Dezember 1944 zusammenfasst, ist sie kein Phasen-Durchschnitt, sondern eine Gesamtbilanz. Sie zeigt gleichwohl eine deutliche Verschiebung gegenüber der Frühphasen- Stichprobe – steigender Männer- und Kinderanteil bei gleichzeitig sinkendem Frauenanteil –, die zwei Vorgänge widerspiegelt: die Aufhebung der Genehmigungspflicht am 5. Oktober 1944 (siehe Abschnitt 5), die die Männerausreise freigab, und die polizeiliche Aufgreif- Praxis, die gezielt die als „arbeitsfähig“ definierten Bevölkerungsteile erfasste.
Eine eigene Bestandsaufnahme erlaubt die deutsche Volkszählung vom 20. November 1944, die für Kurland ohne die Heeresgruppe 297.000 Zivilisten ausweist, von denen Mitte Dezember 1944 noch rund 70.000 als Flüchtlinge aus anderen Teilen Lettlands eingestuft waren (Kangeris 2016, 122). Diese Zahlen sind für die in Kapitel IV aufzunehmende Frage nach den Gründen des Bruchs in der Verschiffung relevant:vBei einer kurländischen Zivilbevölkerung von rund 297.000 Personen und einer monatlichen Verschiffungskapazität, die im Höhepunktsmonat November 1944 bei rund 41.200 Personen lag, ist eine Erklärung des Bruchs durch eine Erschöpfung der zu Verschiffenden auch dann ausgeschlossen, wenn ein erheblicher Teil dieser Bevölkerung – aus den in Kapitel III zu entwickelnden Gründen – einer Verschiffung ins Reich nicht zugestimmt hätte.
Ab Mitte November 1944 verschob sich das Profil der in Kurland anwesenden Bevölkerung erneut. Die in den vorhergehenden Phasen mit Priorität oder unter Zwang verschifften Gruppen waren zu großen Teilen abtransportiert; das verbleibende Reservoir bestand zunehmend aus drei Subgruppen: bewusst Bleibenden aus politischen oder weltanschaulichen Gründen, Bleibenden aus Fehleinschätzung des Kriegsausgangs und nicht- gehen- Könnenden.
Hinzu kommt, dass die in Kurland verbliebene lettische Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt bereits durch zwei vorgängige Selektionswellen ausgesiebt worden war. Die Mobilisierung in die Lettische Legion ab Anfang 1943 hatte einen erheblichen Teil der mobilisierbaren Männer abgezogen; die Sauckel- Aktionen seit Herbst 1942 hatten einen weiteren Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung ins Reich deportiert (Myllyniemi 1973, 239–242). Was in Kurland Mitte November 1944 als Zivilbevölkerung verblieb, war demographisch und sozial bereits ein Rest – die Gruppen, die diesen beiden vorgelagerten Selektionen entgangen waren.
Eine in der älteren Forschung vernachlässigte, aber politisch hochbedeutsame Gruppe bildeten diejenigen, die bewusst nicht gehen wollten. Entgegen der verbreiteten Annahme, dass alle Nationalisten vor den Sowjets flohen, zeigt die Quellenlage ein differenzierteres Bild: Während deutschfreundliche Bevölkerungsteile den Abtransport ins Reich angenommen hatten, suchten lettische nationalistische Kreise Zuflucht in Kurland – nicht im Reich (Nollendorfs 2018, 3; Felder 2007, 143). Diese Unterscheidung ist nicht nur eine retrospektive Forschungsdeutung, sondern wurde zeitgenössisch auch von der deutschen Militäraufklärung registriert. Ein Lagebericht der Leitstelle II Ost für Frontaufklärung, Frontaufklärungstrupp 212, vom Dezember 1944 stellte ausdrücklich fest, dass die deutschfreundliche Bevölkerung das Angebot zum Abtransport ins Reich annehme, während die nationalistisch gesinnten Kreise Zuflucht in Kurland suchten (BArch-MA, RH 2/2129, Bl. 151, zitiert in Antons 2017, 243). Diese Unterscheidung ist fundamental für das Verständnis der politischen Landschaft im Baltikum 1944.
Die Widerstandsgruppe „Wächter Lettlands“ (Latvijas Sargi) gab im September 1944 die Flugschrift Par Latviju herauß. Nachdem die Rote Armee im Juli 1944 die lettische Grenze erreicht hatte und dies unter der lettischen Bevölkerung Panik und Massenflucht auslöste, forderten sie ihre Landsleute mit Parolen wie „Letten, bleibt in eurem Land!“ zum Verbleib in der Heimat und zum Kampf gegen die neuen Besatzer auf (Felder 2007, 144). Diese Gruppe wollte weder unter deutscher noch unter sowjetischer Herrschaft leben und glaubte an die Möglichkeit eines unabhängigen lettischen Staates; sie hoffte auf westliche Unterstützung (Felder 2007, 144–145). Besonders bemerkenswert ist ihre antideutsche Haltung. Der Jansons- Stab stellte im Januar 1945 klar: „Für die Letten ist klar, dass die deutsche Zivilverwaltung der größte Feind unseres Volkes ist“ (Felder 2007, 147). Die „Wächter Lettlands“ sammelten Waffen und planten im Oktober 1944 sogar einen Aufstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer, in dessen Verlauf die Soldaten der lettischen Einheiten der Waffen- SS sich gegen die deutschen Befehlshaber erheben, Riga besetzen und die Unabhängigkeit ausrufen sollten (Felder 2007, 145). Der Plan scheiterte, dokumentiert aber den aktiven Widerstand gegen die deutsche Evakuierungspolitik.
Die antideutsche Stoßrichtung dieses lettischen Widerstands hatte einen konkreten politischen Hintergrund. Im Herbst 1943 hatten hochrangige NS- Funktionäre wie Reichsführer SS Himmler und der Chef des SS- Stabs Berger über eine Gewährung nationaler Unabhängigkeit für Lettland und Estland diskutiert; das Ostministerium hatte sogar einen entsprechenden Führererlass entworfen. Reichskommissar Lohse und Außenminister Ribbentrop blockierten jedoch, und Hitler lehnte den Vorschlag schließlich ab (Feldmanis 2005, 89). Die lettischen Erwartungen einer politischen Gegenleistung für die Mobilisierung in die Legion wurden damit enttäuscht; die nationalpolitische Distanz zum Reich, die in den Schriften des Jansons- Stabs und der „Wächter Lettlands“ sichtbar wird, hat hier ihren konkreten Ursprung.
Eine quantitativ bedeutsame Gruppe bildeten Wehrdienstflüchtige und Deserteure. Bereits im Dezember 1943 hatte Reichskommissar Lohse an Himmler berichtet, dass mehr als 4.000 Letten und 2.000 Esten dem Mobilisierungsbefehl nicht gefolgt seien und dass polizeiliche Maßnahmen sich als unwirksam erwiesen hätten (Feldmanis 2005, 83). Im Verlauf des Jahres 1944 wuchs das Reservoir der Untergetauchten weiter; das Kurelis- Unternehmen wurde zum Sammelpunkt vieler tausend lettischer Deserteure und Wehrdienstflüchtigen (Felder 2007, 146). Diese Gruppe – darunter ehemalige Sozialdemokraten wie Kārlis Dagda, der zugleich für ein demokratisches, unabhängiges Lettland eintrat (Felder 2007, 149) – wollte weder für die Deutschen noch für die Sowjets kämpfen und versteckte sich in den Wäldern. Nach dem 8. Mai 1945 bestand der Großteil der Partisanen in Kurland aus 4.000 bis 5.000 Angehörigen der lettischen Division der Waffen- SS, die bis Kriegsende gegen die Rote Armee gekämpft hatten oder desertiert waren (Felder 2007, 151). Diese Soldaten wollten nicht nach Deutschland evakuiert werden.
Ein weiterer und besonders deutlicher Beleg für politisch motivierte Bleibewilligkeit ist die Präferenz für Schweden statt Deutschland. Als im August 1944 ein sowjetischer Panzerkeil von Litauen aus in Kurland einfiel und Panik ausbrach, unterbanden die deutschen Besatzer die allgemeine Fluchtbewegung vor allem deswegen, weil viele Letten nicht nach Deutschland, sondern nach Schweden flüchten wollten (Felder 2007, 143). Vertreter des Lettischen Zentralrats (LCP) in Windau (Ventspils) organisierten seit August 1944 einen illegalen Bootsverkehr zur schwedischen Insel Gotland und retteten so etwa 2.500 Menschen (Felder 2007, 143). Diese Gruppe entzog sich der deutschen Verschiffungslogistik bewusst und gezielt; ihr Bleiben in Kurland (bzw. ihre Wahl der schwedischen Route) ist nicht ein Versäumnis der deutschen Selektion, sondern ihr aktives Gegenstück.
Als Sonderfall illustrativ ist Gustavs Celmiņš, der Leiter der lettischen nationalistischen Organisation Pērkonkrusts: Er wurde 1944 von den Deutschen verhaftet und als „Ehrenhäftling“ in ein Konzentrationslager abtransportiert (Feldmanis 2005, 85) – ein Hinweis darauf, dass auch ausgewiesene Bleibewillige unter bestimmten Umständen zwangsabtransportiert werden konnten, dann jedoch nicht im Rahmen der Zivilverschiffung, sondern als politische Gefangene in einer separaten Logistik.
Die Quellenlage ist für Litauen am dichtesten dokumentiert; die folgenden Belege stützen sich überwiegend auf Laukaitytė (2020), ergänzt um lettische Belege (Upelnieks bei Felder 2007). Die analoge Stimmungslage in Lettland und Estland ist in der Forschungsliteratur weniger systematisch aufgearbeitet, lässt sich aus den vorhandenen Hinweisen aber rekonstruieren.
Eine quantitativ vermutlich noch größere Gruppe bildeten diejenigen, die nicht aus antideutscher Überzeugung blieben, sondern weil sie eine baldige Wende im Kriegsausgang erwarteten. Diese politische Fehleinschätzung war 1943 und in der ersten Hälfte 1944 in den baltischen Ländern weit verbreitet und prägte die Entscheidungen einer ganzen Schicht von Politikern, Geistlichen und einfachen Bürgern, die sich der Verschiffung ins Reich entzogen, weil sie die Notwendigkeit einer Flucht nicht sahen.
Die wichtigste Quelle dieser Stimmung war die litauische Untergrundpresse. Die zahlreichen, alle politischen Strömungen umfassenden Untergrundorganisationen – Vyriausiasis Lietuvos išlaisvinimo komitetas (VLIK), Lietuvių frontas (Litauische Front) und Lietuvos laisvės kovotojų sąjunga (LLKS) – verbreiteten in ihren Presseorganen 1943–1944 die Erwartung, dass der litauischen Staatlichkeit keine größere Gefahr drohe. Die USA und Großbritannien würden die staatlichen Vorkriegsgrenzen wiederherstellen, die Rote Armee werde an der alten Sowjetgrenze halten, und die Deutschen seien entschlossen, die Rote Armee vor Ostpreußen zu stoppen (Laukaitytė 2020, 75– 76). Noch im Juni 1944 brachte eine Untergrundzeitung den Bericht „Unsere Freiheit und Unabhängigkeit klopfen an die Tür“ heraus (Laukaitytė 2020, 76).
Diese Lesart prägte auch die Entscheidungen der politischen Eliten. Povilas Šilas, der an den letzten Sitzungen von VLIK und Litauischer Front teilgenommen hatte, erinnerte sich, dass man sich noch im Mai und Juni 1944 mit der Hoffnung tröstete, der Krieg werde bald enden und die westlichen Staaten würden nach einer Friedensvereinbarung mit Deutschland die Unabhängigkeit Litauens, Lettlands, Estlands und Polens wiederherstellen; sollte Litauen vorübergehend von der Roten Armee besetzt werden, werde diese Besetzung höchstens ein halbes Jahr dauern (Laukaitytė 2020, 74). Der Diplomat und Signatar der litauischen Unabhängigkeitsurkunde Petras Klimas schwankte längere Zeit, weil er nicht an eine zweite Besetzung des Landes durch die Bolschewiken glaubte und der Überlegenheit der deutschen Armee vertraute (Laukaitytė 2020, 74). Bischof Brizgys, Erzbischof Skvireckas, der ehemalige Befehlshaber der Armee Stasys Raštikis und zahlreiche weitere prominente Vertreter ihrer Generation hielten sich noch bis September oder Oktober 1944 in Litauen oder im Grenzgebiet zu Deutschland auf, in der Erwartung einer baldigen Rückkehr (Laukaitytė 2020, 74). Manche Frauen verpackten ihre Pelzmäntel und vergruben sie im Garten in der Annahme, dass sie nach zwei Wochen – später nach zwei Monaten – zurückkehren könnten (Laukaitytė 2020, 74).
Diese Stimmung war für die Personengruppen- Komposition der Verschifften von erheblicher Wirkung. Sie bedeutete, dass auch Personen, die nominell unter die erste oder zweite Kategorie der Reichsleitungs- Anweisung gefallen wären – Intellektuelle, Spezialisten, ehemalige Funktionseliten – nicht den geordneten Transporten der Anschwellphase folgten, sondern abwarteten. Bemerkenswert ist die Parallele auf lettischer Seite: Der Widerstandskämpfer Upelnieks ging davon aus, dass das sowjetische Imperium ebenso wie das Dritte Reich in kürzester Zeit zusammenbrechen und ein lettisches Freikorps mit westlicher Hilfe wie 1918 den lettischen Staat erkämpfen werde (Felder 2007, 146). Der „Bleibe- Optimismus“ war kein litauisches Solitärphänomen, sondern eine baltische Konstante.
Laukaitytė ordnet diese Fehleinschätzung explizit als nachträglich folgenreich ein: „Diese falschen Beurteilungen haben danach auch das Ausmaß des bewaffneten Widerstands der litauischen Partisanen gegen das sowjetische Regime geprägt“ (Laukaitytė 2020, 78). Für die Personengruppen- Analyse der Verschiffungen ist ihre Wirkung eine andere: Sie reduziert das Reservoir derjenigen, die in der Anschwellphase verschifft worden wären, und verschiebt es teilweise in die Hauptphase, teilweise in die Gruppe der Verbliebenen. Wer noch im September 1944 fest mit einer baldigen Wiederherstellung der Vorkriegsverhältnisse rechnete, blieb und zählte ab Mitte November 1944 zu den in Kurland zurückgebliebenen Personen.
Neben den bewusst und den aus Fehleinschätzung Bleibenden gab es eine große Gruppe von Menschen, die praktisch nicht gehen konnten. An erster Stelle sind hier Kranke, Gebrechliche und Bettlägerige zu nennen, die schon aus körperlichen Gründen nicht in der Lage waren, einen Treck oder einen Schiffstransport mitzumachen. Auch Kriegsversehrte mit schweren Verwundungen oder Invalide waren auf Pflege und Unterbringung angewiesen, die ein Abtransport gefährdet oder unmöglich gemacht hätte.
Die Landbevölkerung ohne Transportmöglichkeiten bildete eine weitere große Gruppe. Bauern, die ihre Höfe nicht verlassen wollten, und Menschen mit tiefer Verwurzelung im Land blieben oft zurück (Antons 2017, 254). Viele von ihnen unterstützten später die Partisanen mit Nahrung und Verstecken: „Nicht selten wurden die Partisanen von der ländlichen Bevölkerung unterstützt“ (Felder 2007, 151). Menschen in abgeschnittenen Gebieten oder solche, die von sowjetischen Truppen überrollt wurden, hatten ebenfalls keine Chance zur Flucht.
Ältere und an die Heimat gebundene Menschen glaubten oft, keine Verfolgung befürchten zu müssen, da sie keine Kollaborationsvergangenheit hatten. Sie wollten nicht ins nationalsozialistische Deutschland und hofften, in der Heimat bleiben zu können (Nollendorfs 2018, 3). Die praktischen Hindernisse waren vielfältig: fehlende Transportmittel, mangelnde Informationen über Evakuierungsmöglichkeiten, körperliche Gebrechlichkeit, hohes Alter, Bindung an Grund und Boden sowie die Geschwindigkeit des sowjetischen Vormarsches (Antons 2017, 258). Diese Menschen waren keine aktiven Verweigerer der Evakuierung, sondern Opfer der Umstände.
Die Analyse der Personengruppen entlang der Phasenlogik zeigt ein deutliches Muster. In der Vorbereitungsphase Februar bis Juni 1944 wurde auf deutscher Seite – anschließend an die seit 1942 etablierte Sauckel-Praxis – eine Hierarchie der zu evakuierenden Personen aufgestellt, die sich in der Reichsleitungs- Anweisung vom März 1944 dokumentiert: drei Kategorien (Intellektuelle, den Deutschen angediente Spezialisten, baltisches Wehrdienstpersonal mit Familien), zusammen rund 500.000 Personen. Diese Hierarchie strukturierte die Anschwellphase Juli–September 1944, in der prioritär Evakuierte (Volksdeutsche, Funktionseliten, Bahnbedienstete, Spezialisten, deutschfreundliche Bevölkerung) in geordneten Transporten ins Reich gelangten. Parallel liefen die Zwangsverschickungen der Sauckel- Aktionen weiter, die seit 1943 hauptsächlich Litauen betrafen und sich rassisch- anthropologisch auf bestimmte Regionen (Wilna, Lettgallen) konzentrierten.
In der Hauptphase Oktober bis Mitte November 1944 kippte das Selektionsprinzip vom selektiven zum pauschalen Zugriff. Die Aufgreif- Praxis erfasste zunehmend die „arbeitsfähige“ Bevölkerung; Ostlettland- Flüchtlinge, die im August und September nach Kurland gekommen waren, wurden in den Transportstrom integriert. Die quantitative Bilanz dieser Phase nach Kangeris (102.500 lettische Zivilflüchtlinge bis Anfang 1945, davon 82.500 seewärtig; siehe Abschnitt 6) zeigt eine demographische Verschiebung weg von der Frauen- und Kinderlastigkeit der Frühphase hin zur breiteren Erfassung „arbeitsfähiger“ Bevölkerungsteile. Was nach Mitte November in Kurland verblieb, war kein zufälliger Querschnitt der Vorkriegsbevölkerung, sondern ein durch zwei vorgängige Selektionswellen (Legionsmobilisierung, Sauckel- Aktionen) und durch die Anschwell- und die Hauptphase der Zivilverschiffungen ausgesiebter Rest – zusammengesetzt aus bewusst Bleibenden („Wächter Lettlands“, Wehrdienstflüchtige im Kurelis- Umfeld, Lettischer Zentralrat mit der Schweden- Route), aus Bleibenden aus Fehleinschätzung des Kriegsausgangs und aus nicht- gehen- Könnenden. Eine deutsche Volkszählung vom 20. November 1944 dokumentierte für Kurland 297.000 Zivilisten ohne die Heeresgruppe, von denen Mitte Dezember rund 70.000 als Flüchtlinge aus anderen Teilen Lettlands eingestuft waren (Kangeris 2016, 122) – ein Befund, der für Kapitel IV von zentraler Bedeutung ist.
Dieser Befund hat eine doppelte Implikation. Erstens dokumentiert er, dass auf deutscher Seite eine Selektionspraxis stattfand, die sich an der Reichsleitungs-Anweisung vom März 1944 orientierte und in den ersten Phasen der Verschiffungen deutlich erkennbar ist. Funktionseliten, Volksdeutsche und Spezialisten erhielten logistisch privilegierten Zugang zu den Transporten; Zwangsarbeiter und Häftlinge wurden in einer separaten Logistik bewegt, deren Selektionsanker neben der kriegswirtschaftlichen Funktionalität auch eine rassisch-anthropologische Dimension hatte. Zweitens dokumentiert er, dass auf der baltischen Seite parallel eine Selbstselektion erfolgte: Ein nicht zu vernachlässigender Teil der Bevölkerung blieb aus politischen, weltanschaulichen oder erwartungsbedingten Gründen zurück, weitere blieben aus praktischen Gründen zurück. Beide Selektionsbewegungen – die deutsche und die baltische – wirkten zueinander spiegelbildlich und prägten gemeinsam, wer am Ende der Hauptphase in Kurland verblieb und wer nicht.
Was die Personengruppen- Analyse nicht leisten kann, ist die Erklärung des in Kapitel II dokumentierten scharfen Rückgangs der Verschiffungen ab Mitte November 1944 und ihres weitgehenden Erlahmens zum Jahreswechsel 1944/45. Dieser Rückgang fällt mit der Phase zusammen, in der das verbleibende Reservoir in Kurland bereits aus den hier beschriebenen Bleibe- Subgruppen bestand; die Bleibe- Disposition vieler dieser Personen ist eine quellenseitige Komponente jeder Erklärung des Bruch. Doch sie erklärt den Bruch nicht allein. Die Kurve der Verschiffungen wurde gleichzeitig durch externe Faktoren geformt – marineoperative Engpässe, Tonnagereduktion, militärische Verdrängung der Zivilkonvois durch Versorgungs- und Verwundetentransporte, die strategische Entscheidung der politischen und militärischen Führung zum Halten Kurlands. Die Wechselwirkung dieser externen Faktoren mit der hier rekonstruierten Bleibe-Disposition ist Gegenstand des folgenden Kapitels.
Erstens: Der Rückgang der Kurland-Verschiffung verlief nicht als Schaltvorgang, sondern gestaffelt. Die monatliche Frequenz der Fahrten mit Zivilanteil sank von 36 (November 1944) über 17 (Dezember) und 5 (Januar 1945) auf 2 (Februar 1945); die dokumentierten Personenzahlen folgen mit 41.200, 18.100, 4.700 und 2.200 demselben Trend. Zweitens: Der Stillstand betraf nicht den Hafenbetrieb insgesamt. Im Februar 1945 fuhren – allein nach den Angaben der HMA-Fahrtendatenbank – weiterhin rund 66 Schiffe westwärts aus Libau und Windau – aber, mit zwei Ausnahmen, ausschließlich als Soldaten- und Verwundetenrückführungen. Die Schiffe und ihre Geleite blieben im Einsatz, die Häfen blieben benutzbar, nur die zivile Verschiffung brach ab.
Diese beiden Befunde grenzen das Erklärungsfeld erheblich ein. Eine monokausale These, die einen einzigen Auslöser im Januar 1945 benennt – etwa den Beginn des Unternehmens „Hannibal" am 23. Januar oder den von Schön bereits für den Spätherbst 1944 beschriebenen Anlandestau in Danzig und Gotenhafen (Schön in Surminski 2012, 103) – kann den gestaffelten Charakter des Rückgangs nicht abbilden, der ja bereits Mitte November einsetzt und bis Ende Januar bereits etwa 89 Prozent der Höhepunktwerte abgebaut hat. Umgekehrt kann eine These, die ausschließlich auf eine Erschöpfung des Reservoirs in Kurland verweist, an der deutschen Volkszählung vom 20. November 1944 scheitern: Diese zählte ohne die Heeresgruppe 297.000 Zivilisten, von denen Mitte Dezember 1944 noch rund 70.000 als Flüchtlinge aus anderen Teilen Lettlands eingestuft wurden (Kangeris 2016, 122). Auch wenn ein Teil dieser Bevölkerung aus den in Kapitel III dargelegten Gründen einer Verschiffung nicht zustimmen würde, bleibt eine Restmenge, die die im November 1944 erreichte monatliche Verschiffungskapazität von rund 41.200 Personen um ein Vielfaches übersteigt. Das verschiffungsbereite Reservoir war damit nicht erschöpft; was abnahm, war seine Bedienung durch die deutsche Verschiffungslogistik.
Was zu erklären ist, ist also eine über drei Monate gestreckte, scharfe Reduktion der zivilen Nutzung einer weiterhin funktionsfähigen Verschiffungslogistik. Die folgende Argumentation entwickelt diese Erklärung als zeitlich gestaffelten Verbund mehrerer Faktoren, in dem keine einzelne Linie für sich genommen den vollen Befund trägt, deren Konvergenz aber die Staffelung des Bruchs lückenlos ausfüllt. Eine wichtige Vorklärung ist methodischer Natur und wird vorab geführt.
Vor der detaillierten Phasenanalyse sind zwei Vorklärungen anzubringen: erstens der Negativbefund, dass kein expliziter Stoppbefehl der zivilen Verschiffung aus den Kurland auffindbar ist; zweitens die politische Festhaltungs- Entscheidung Hitlers für Kurland, die als Rahmenbedingung der nachfolgend zu beschreibenden operativen Dynamik wirkt.
Eine Erwartung, mit der man an den Befund herantreten kann, lautet: Wenn die zivile Verschiffung scharf abbricht, muss ein Befehl dahinterstehen – sei es Hitlers, der Skl, des Reichskommissars Ostland oder des Oberbefehlshabers Heeresgruppe Nord/Kurland. Eine gezielte Durchsicht der einschlägigen Sekundärliteratur stützt diese Erwartung jedoch nicht. Howard D. Grier, dessen marine operative Studie zu Hitler, Dönitz und der Ostsee 1944/45 die deutschen Konvoyentscheidungen aus der Perspektive von Skl und Reichskommissar für die Seeschifffahrt rekonstruiert, findet weder einen Hitler-Erlass noch eine Skl-Direktive noch eine Anweisung des Reichskommissars Ostland, die einen Stopp der baltischen Zivilabtransporte anordnete oder erläuterte. [10]
Dieser Negativbefund hat zwei methodische Konsequenzen. Erstens kann die Erklärung des Bruchs nicht auf eine einzelne zivile- Verschiffungs- Anordnung zurückgeführt werden, weil eine solche in der dokumentierten Aktenlage nicht existiert. Zweitens hat die Erklärung deshalb auf der Ebene der Bewirtschaftung anzusetzen: Die zivile Verschiffung versiegt, weil der zugeteilte Schiffsraum sukzessive auf andere Verwendungen umgewidmet wird, nicht weil sie ausdrücklich verboten wird. [11]
Eine andere Hitler-Entscheidung ist demgegenüber gut belegt und für die folgende Argumentation als Rahmenbedingung zentral: die Festlegung auf das Halten des Kurland-Brückenkopfs. Nachdem die 5. sowjetische Garde-Panzerarmee am 10. Oktober 1944 bei Memel zur Ostsee durchgestoßen war und damit die Landverbindung der Heeresgruppe Nord ins Reich unterbrochen hatte, blieb offen, ob die Heeresgruppe über See zurückgenommen werden würde. Generaloberst Guderian als Chef des Generalstabs des Heeres drängte mehrfach auf Räumung; Großadmiral Dönitz argumentierte mit der seekriegsstrategischen Bedeutung der östlichen Ostsee für die U-Boot-Ausbildung der Typen XXI und XXIII; Hitler entschied – nach der 2. Kurland-Schlacht, die am 27. Oktober losbrach – auf Halten. Dieser Halten- Entscheid betraf zwar die militärische Behandlung Kurlands und nicht direkt die Zivilverschiffung; aber sie wirkte als politische Vorbedingung für den im Folgenden zu beschreibenden Mechanismus: Ohne Hitlers Halten- Entscheid wäre die Heeresgruppe geräumt worden, und die Tonnage-Konkurrenz zwischen militärischen und zivilen Verwendungen, die die Phasenanalyse rekonstruiert, hätte sich nicht auf diese Weise aufgebaut.
Der Halten- Entscheid allein erklärt den Verlauf des Bruchs nicht. Er ist mit einem sofortigen Stillstand der Zivilverschiffung ebenso kompatibel wie mit dem hier beobachteten gestaffelten Rückgang über vier Monate. Erst die operative Bewirtschaftungsdynamik unter dieser Rahmenbedingung erklärt das gestaffelte Bild. Diese Dynamik wird in den drei folgenden Abschnitten Phase für Phase rekonstruiert.
Der erste Teil des Rückgangs – die mehr als Halbierung der Fahrten von 36 auf 17 zwischen November und Dezember und die Reduktion der Personenzahlen von 41.200 auf 18.100 – fällt zeitlich mit zwei Entwicklungen zusammen, die in ihrer Wirkung auf die Verschiffungspolitik eng verbunden sind.
Erstens kehrte sich mit dem in Abschnitt 2 dargestellten Übergang zum Brückenkopf-Status die Verschiffungslogik um. Solange Kurland als zu räumendes Gebiet behandelt worden war, hatte die Verschiffung der Zivilbevölkerung den Vorgriff auf eine erwartete Räumung dargestellt. Sobald die Festung gehalten werden sollte, dienten die Konvoyrouten primär der Versorgung des Brückenkopfs und der Rückführung von Verwundeten – beide militärische Fahrtrichtungen, die mit Zivilkonvois um denselben Schiffsraum konkurrierten.
Zweitens beruht diese Verschiebung auf einem Untergrund, den die Forschung als kategoriale Nachordnung der baltischen Zivilbevölkerung in der deutschen Prioritätenhierarchie beschrieben hat. Drei Indikatoren ergeben hierfür ein konsistentes Bild. Der quellenseitig direkteste Befund stammt aus der deutschen Zivilverwaltung selbst. Eine Anweisung des Reichskommissars Ostland vom 19. April 1944 etablierte für die Ausstellung von Durchlassscheinen ins Reich eine explizit hierarchische Ordnung: Sie sollten zunächst nur an deutschstämmige Kinder, Frauen und Männer über 60 Jahren sowie Angehörige von Kollaborateuren ausgestellt werden, für alle anderen erst mit Zustimmung der Arbeitsämter und der Sicherheitspolizei (Antons 2017, 238). [12] Die Direktive zielte in der Lage des Frühjahrs 1944 zwar nicht auf eine Beschleunigung, sondern auf eine Begrenzung der Ausreise – die deutsche Verwaltung wollte die kriegswichtigen Funktionen der baltischen Generalbezirke aufrechterhalten und gerade nicht die gesamte Bevölkerung ins Reich strömen lassen. Bemerkenswert ist gleichwohl, dass sie die Hierarchie der Begünstigten in einer Weise festschrieb, die in der späteren Verschiffungspraxis wiederkehrt: Reichsdeutsche und Familien deutscher Kollaborateure prioritär, baltische Zivilisten ohne diese Bindung nachrangig. Methodisch beinahe ebenso belastbar ist Griers durchgängiger Sprachgebrauch: Der Begriff refugees bezeichnet in seiner Darstellung über alle Kapitel hinweg reichsdeutsche Flüchtlinge aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern, nicht die baltische Zivilbevölkerung – etwa in der Kernpassage "The Reich Commissar for Shipping's resources were tied up supplying Army Groups North and Courland and evacuating troops, wounded, and refugees." (Grier 2007, 184). Lettische und estnische Zivilisten erscheinen in der deutschen Verschiffungsplanung bei Grier durchgehend nicht unter den refugees. Drittens schreibt Dönitz' Räumungsanweisung an Hilpert vom 3. Mai 1945 die Prioritätenkette ausdrücklich als „seasoned divisions“ zuerst, dann Verwundete, dann refugees fest, ohne dass lettische Zivilisten in dieser Kette noch vorkommen. [13] Dieses späte Dokument trägt allerdings nur eingeschränkte Beweislast, da zum Datum der Anweisung die meisten verschiffungswilligen baltischen Zivilisten ohnehin seit Monaten abtransportiert oder in Kurland verblieben waren und der Begriff refugees ihre Lage nicht mehr beschrieb.
Auf diesen Untergrund der Nachordnung wirkt die Festhaltungs- Entscheidung mit einer doppelten Konsequenz für die wirtschaftsverwaltende Praxis. Die Demographiebilanz der Verschiffung bis Mitte Dezember, die in Kapitel III dokumentiert ist, zeigt, dass gerade die produktive Bevölkerung mitgenommen wurde – 27,4 Prozent Männer, 38 Prozent Frauen, 34,6 Prozent Kinder, von den Erwachsenen 65 Prozent als „arbeitsfähig" eingestuft (Kangeris 2016, 125). Mit der Fixierung des Brückenkopf-Status kehrte sich das Verwaltungsinteresse um: Die Wirtschaftsverwaltung der Heeresgruppe – just diejenige Stelle, deren Kriegstagebuch (BArch-MA, RW 46/29) die Quellbasis für Kangeris’ Bilanz bildet – hatte nun ein direktes Interesse, die verbliebene arbeitsfähige Zivilbevölkerung in Kurland zu binden, statt sie weiter abzutransportieren.
Beide Faktoren wirken auf der Angebotsseite der Verschiffungspolitik: Es wird weniger verschifft, weil die deutsche Seite nicht mehr im selben Maße wie zuvor verschiffen will. Eine Anweisung dazu wäre nicht erforderlich gewesen; die Verschiebung vollzieht sich in der Kontingentvergabe der Reichskommissar- Tonnage [14] und in den Prioritätsentscheidungen der Geleitzugplaner.
In der zweiten Phase – der Reduktion von 17 auf 5 Fahrten und von 18.100 auf 4.700 Personen zwischen Dezember und Januar – treten zwei zusätzliche Faktoren hinzu, die den auf der Angebotsseite eingeleiteten Rückgang verstärken und beschleunigen.
Der erste Faktor ist eine direkte physische Tonnage-Reduktion. Mitte Dezember 1944 trafen sowjetische Luftangriffe den Hafen Libau und versenkten oder beschädigten über ein Dutzend Schiffe; Grier beziffert die daraus resultierende Reduktion des für Kurland zugeteilten Schiffsraums auf 25 Prozent. [15] Dieser Faktor ist zeitlich exakt im Übergang zwischen erster und zweiter Phase platziert und hat eine doppelte Wirkung: Er verkleinert die verfügbare Tonnage absolut, und er zwingt die Skl- Planung zu einer schärferen Priorisierung der verbliebenen Kapazität. Bei einem ohnehin schon zugunsten militärischer Versorgung verschobenen Bewirtschaftungsmodell führt eine zusätzliche Tonnage- Verknappung notwendig zu einer weiteren Verdrängung der Zivilkonvois, die in der Prioritätenkette bereits am unteren Rand standen. Aus Windau wurden nach Mitte Dezember keine lettischen Zivilflüchtlinge mehr nach Westen verschifft (Kangeris 2016, 125); aus Libau erreichten zwischen Mitte Dezember und den ersten Januarwochen 1945 noch 2.256 Personen Deutschland – eine Restmenge, die den faktischen Stillstand der Operation bereits einläutet.
Der zweite Faktor ist die unmittelbar darauffolgende Verwundetenwelle der 3. Kurland-Schlacht zwischen dem 21. und 31. Dezember 1944, die nach Griers Charakterisierung „the fiercest and most costly of the Courland battles“ war. Verwundeten- Rückführung bindet Lazarettschiffsraum und Geleitkapazität; gleichzeitig laufen Munition, Treibstoff und Personalersatz ostwärts ein. Die Versorgungstonnage Kurlands selbst – nach Grier bis Mitte Januar 1945 noch ungefähr stabil – beginnt erst im Februar einzubrechen. [16] Das ist instruktiv. Die Versorgungskonvois nach Kurland verkehren in beiden Richtungen: ostwärts mit Munition, Treibstoff und Personalersatz, westwärts mit Verwundeten und Zivilen. Wenn die Ostfracht stabil bleibt, während die Westfracht von Zivilen auf Verwundete umschlägt, dann schrumpft der zivile Verschiffungssektor nicht zu Lasten der militärischen Versorgung, sondern parallel zu deren Stabilität – genau die Konfiguration, die eine Umwidmung des Westschenkels von zivilen auf militärische Verwendungen voraussagt. Die Ressource bleibt in derselben Größenordnung, aber sie wird anders zugeteilt.
Dieser Befund stützt die in Abschnitt 2 entwickelte Lesart: Bruch als Bewirtschaftungsergebnis innerhalb des politischen Rahmens der Festhaltungs-Entscheidung, ohne dass ein expliziter Stoppbefehl der Zivilverschiffung erforderlich gewesen wäre. Sie wird durch eine weitere Beobachtung in Kapitel II flankiert: Im Februar 1945 fahren weiter rund 66 Schiffe aus Libau und Windau westwärts, aber bis auf zwei Ausnahmen als reine Soldaten- und Verwundetenrückführungen. [17] Diese Restzahl zeigt, dass die Operation als solche nicht abgebrochen ist, sondern ihre Inhalte ausgetauscht wurden. Die Logistik bleibt – die Zivilbevölkerung fällt aus.
Die dritte Phase – der finale Einbruch von 5 auf 2 Fahrten und von 4.700 auf 2.200 Personen zwischen Januar und Februar 1945 – verläuft synchron mit dem Beginn der seewärtigen Räumung Ostpreußens und der Danziger Bucht im Rahmen des Unternehmens „Hannibal“ am 23. Januar 1945. Die Skl wird angewiesen, die ostpreußischen Häfen evakuierungsfähig zu machen; gleichzeitig muss Tonnage aus dem Norwegen- Verkehr in die Ostsee verlegt werden, weil die einheimische Reichweite nicht reicht. Aus den ostpreußischen und westpreußischen Häfen Pillau, Königsberg, Danzig, Gotenhafen, Hela und Elbing fuhren im Februar 1945 116 Fahrten mit Zivilanteil und etwa 138.000 Personen – ein Volumen, das die baltischen Höhepunktswerte des Vorjahres deutlich überstieg. Im selben Februar verzeichnete Kurland zwei Fahrten mit zusammen rund 2.200 Personen.
Es ist wichtig, die Stellung dieses Faktors in der Argumentation präzise zu fassen. „Hannibal“ ist nicht der Auslöser des Bruchs, denn die Zivilistentransporte waren bereits dramatisch eingebrochen. „Hannibal“ ist die Schlussklammer einer bereits laufenden Entwicklung: Die ostpreußische Räumung bindet ab dem 23. Januar 1945 den Großteil der verbliebenen Geleitkapazität, sodass selbst eine etwaige Wiederaufnahme der Kurland-Verschiffung daran gescheitert wäre. Hinzu kommt die schon in Kapitel II.3 angesprochene Anlande-Restriktion: Der Bahn- Abtransport aus Danzig und Gotenhafen ins Reichsinnere reichte nicht aus, sodass Schiffe nicht zeitnah ausschiffen und für eine erneute Ostfahrt nicht zur Verfügung stehen konnten (Schön in Surminski 2012, 103) – ein Effekt, der durch den anlaufenden Abtransport aus den ostpreußischen Häfen ab Ende Januar 1945 weiter verstärkt wurde.
Zwei weitere Faktoren wirken über alle drei Phasen hinweg, ohne sich einer einzelnen Phase zuordnen zu lassen.
Der erste ist die Bedrohungslage in der östlichen Ostsee. Die sowjetische See- und Luftbedrohung intensivierte sich ab November 1944 entlang der Anflugrouten Libau und Windau; die Versenkung der Moero am 22. September 1944 mit rund 632 Toten hatte sich den Konvoyplanern unmittelbar eingeprägt. Das Risikokalkül zwischen Schiffsraum, Personenzahl und Verlustwahrscheinlichkeit fiel für zivilbeladene Konvois in den Wintermonaten ungünstiger aus als für militärische Konvois mit höherer bordseitiger Bewaffnung – ein Effekt, den die spektakulären Verluste der zweiten Januarhälfte 1945 (die Versenkung der Wilhelm Gustloff am 30. Januar mit über 9.000 Toten, der Steuben am 10. Februar mit etwa 3.600 Toten, der Goya am 16. April mit etwa 7.000 Toten) im Verlauf der Hannibal-Phase noch dramatisch bestätigten. Für die Erklärung des Kurland-Bruchs trägt dieser Faktor allerdings nur als Verstärker; den scharfen, gestaffelten Charakter des Rückgangs erklärt er nicht. Eine reine Risiko-Erklärung würde einen graduellen Rückgang erwarten lassen, nicht aber ein rapides Einbrechen.
Der zweite Faktor liegt auf der Quellseite und knüpft an die in Kapitel III entwickelte Personengruppen- Typologie an. Das nominell evakuierungsbereite Reservoir bestand aus Gruppen mit sehr unterschiedlichen Verhältnissen zur Verschiffung. Dass diese Differenzierung nicht erst eine retrospektive Konstruktion ist, sondern bereits zeitgenössisch von deutscher Seite beobachtet wurde, dokumentiert der bereits in Kapitel III.7.1 zitierte Lagebericht der Leitstelle II Ost vom Dezember 1944 (Antons 2017, 243). In der Hauptphase Oktober/November 1944 waren die prioritär Evakuierten – Funktionseliten, Spezialisten, deutschfreundliche Bevölkerung – bereits weitgehend abtransportiert; was Mitte Dezember 1944 in Kurland verblieb, umfasste in zunehmendem Maße bewusst Bleibende, Bleibende aus Fehleinschätzung und nicht- gehen- Könnende sowie Personen aus der grauen Zone (vgl. Kapitel III.7). [...] Der Lettische Zentralrat (LCP) organisierte seit August 1944 von Windau aus einen illegalen Bootsverkehr zur schwedischen Insel Gotland und brachte auf dieser Route etwa 2.500 Personen außer Reichweite der deutschen Verschiffung. Die Widerstandsgruppe „Wächter Lettlands“ rief mit ihrer Flugschrift Par Latviju zum Verbleib in der Heimat auf; das Kurelis- Umfeld bot Wehrdienstflüchtigen und Deserteuren Anlaufstellen abseits des deutschen Verschiffungsapparate. Aus deutscher Sicht bedeutete dies, dass das verbleibende Reservoir nach Mitte November 1944 in zunehmendem Maße aus Personen bestand, die einer Verschiffung ins Reich nicht zustimmen würden. Eine Mobilisierung dieses Reservoirs hätte den polizeilichen Aufwand der Aufgreif-Praxis vom Anfang Oktober (Nollendorfs 2018, 3) wieder aktiviert – ein Aufwand, zu dem die deutsche Seite angesichts ihrer durch Brückenkopf-Politik und Wirtschaftsinteresse ohnehin gewendeten Tendenz nicht mehr willens war.
Bemerkenswert ist die Spiegelbildlichkeit dieses Faktors zur kategorialen Nachordnung auf der deutschen Seite. Auf der Angebotsseite der Verschiffung sank die Bereitschaft, baltische Zivilbevölkerung zu transportieren; auf der Nachfrageseite sank die Bereitschaft, sich transportieren zu lassen. Beide Bewegungen liefen parallel und verstärkten sich gegenseitig. Sie sind zugleich der Grund da für, warum eine bloße Mengenbilanz – „in Kurland waren noch 70.000 Flüchtlinge, also hätten sie verschifft werden können“ – die Lage nicht angemessen erfasst. Die Nicht-Verschiffung dieser 70.000 Personen ist nicht nur eine deutsche Unterlassung, sondern auch das Ergebnis der in Kapitel III dargestellten Bleibe-Motive auf lettischer Seite und der ungleichen Möglichkeiten, sich der deutschen Verschiffung zu entziehen.
Die hier vorgelegte Erklärung des Bruchs ist zweistufig aufgebaut. Als politischer Rahmen wirkt die Festhaltungs- Entscheidung Hitlers für Kurland nach der 2. Kurland-Schlacht Ende November 1944: Sie macht die Heeresgruppe zur dauerhaft seewärts versorgten Festungsbesatzung und etabliert damit die strukturelle Konkurrenz um den verfügbaren Schiffsraum. Innerhalb dieses Rahmens lassen sich für die drei in den Abschnitten 3 bis 5 rekonstruierten Phasen unterschiedliche Notwendigkeitsverhältnisse benennen. In der ersten Phase (Mitte November bis Mitte Dezember 1944) ist die kategoriale Nachordnung der baltischen Zivilbevölkerung der allein hinreichende Mechanismus: Die sowjetischen Luftangriffe auf Libau setzen erst Mitte Dezember ein und liegen damit am Übergang zur zweiten Phase, die Versorgungstonnage Kurlands bleibt bis Mitte Januar 1945 ungefähr stabil, das Unternehmen "Hannibal" beginnt erst am 23. Januar 1945 (Grier 2007, 137–138, 152–153). Die Mehr- als- Halbierung der Fahrten von 36 auf 17 in diesem Zeitraum ist ohne die kategoriale Nachordnung nicht erklärbar. In der zweiten Phase (Mitte Dezember 1944 bis Mitte Januar 1945) wirkt die kategoriale Nachordnung fort, allein erklärt sie die Schärfe des Rückgangs auf ein Drittel jedoch nicht; eine reine Fortschreibung ihres Wirkens würde eher eine weitere Halbierung erwarten lassen. Hinzu treten zwei datierbare Faktoren: die durch Luftangriffe verursachte Tonnage-Reduktion Mitte Dezember (Grier 2007, 138) und die Verwundetenwelle der 3. Kurland-Schlacht vom 21. bis 31. Dezember 1944, die nach Griers Charakterisierung "the fiercest and most costly" der Kurland- Schlachten war (Grier 2007, 81). Diese beiden Faktoren sind in der zweiten Phase als notwendig zu betrachten – die Tonnage-Reduktion, weil sie eine schärfere Priorisierung des verbliebenen Schiffsraums erzwingt, die Verwundetenwelle, weil sie gerade jenen Westschenkel der Konvois belegt, der zuvor zivile Personen transportiert hatte. In der dritten Phase (Mitte Januar bis Mitte Februar 1945) ist der Bruch überdeterminiert. "Hannibal" tritt als Schlussklammer hinzu, und im Februar bricht auch die Versorgungstonnage Kurlands selbst auf rund ein Viertel der Vormonatswerte ein (Grier 2007, 137). Eine Wiederaufnahme der Zivilverschiffung wäre in dieser Phase auch ohne kategoriale Nachordnung allein aus logistischen Gründen ausgeschlossen gewesen.
Diese Lesart hat drei Eigenschaften, die ihre Tragfähigkeit erhöhen. Erstens entspricht sie dem in Kapitel II dokumentierten Befund, dass die Schiffe weiterfuhren, aber nicht mehr für die Zivilbevölkerung: Eine Bewirtschaftungsverschiebung sagt genau diesen Befund voraus, eine Stopp- Erklärung könnte ihn nur über Zusatzannahmen auffangen. Zweitens erklärt sie die regionale Asymmetrie zwischen Kurland und der ostpreußisch- westpreußischen Räumung: Die Brückenkopf- Konstellation – eingeschlossene Großverbandsformation, fixierte Halte-Entscheidung, kategoriale Nachordnung der einheimischen Zivilbevölkerung – existiert nur in Kurland, nicht in Ostpreußen. Drittens entspricht sie der quellenkritisch belastbaren Aktenlage: Sie verlangt keinen Stoppbefehl, der nicht existiert, sondern operiert mit der dokumentierten Tonnage-Bewirtschaftung der Skl und des Reichskommissars für die Seeschifffahrt.
Was die vorstehende Analyse nicht leistet, ist eine quantitative Punktgewichtung der drei Mechanismen. Insbesondere lässt sich auf der Literaturbasis nicht entscheiden, in welchem Mengenverhältnis die Verwundeten- Rückführung und die anderweitige Versorgungstonnage in der zweiten Phase denverbliebenen Schiffsraum aufteilten und welcher Anteil der Tonnage-Reduktion durch die Luftangriffe vom Mitte Dezember rein additiv zur kategorialen Nachordnung wirkte. Eine solche Punktgewichtung wäre erst mit einer quellennahen Auswertung des KTB der Skl, des Bestands BArch-MA, RW 46/29 und der KTBs des Befehlshabers im Ostseeraum (Burchardi) zu leisten. Die hier vorgelegte Verbundhypothese hat insofern den Charakter eines Erklärungsrahmens, der die literaturseitig gesicherten Bausteine konsistent zusammenführt und ihre phasenspezifische Notwendigkeit dokumentiert; ihre weitere quantitative Differenzierung wäre eine eigene archivalische Aufgabe.
Eine letzte Bemerkung zu dem, was nicht erklärt werden muss. Ein hochrangiger Beschluss zur Sistierung der baltischen Zivilverschiffung ist in der dokumentierten Aktenlage nicht auffindbar (vgl. Abschnitt 2) – ein solcher war innerhalb der etablierten Konstellation auch nicht erforderlich. Diese Konstellation umfasste die militärisch-strategische Festhaltungs- Entscheidung als politischen Rahmen, die kategoriale Nachordnung in der deutschen Prioritätenpolitik, die physische Tonnage- Reduktion durch sowjetische Luftangriffe, die militärische Verdrängung durch Verwundeten- Rückführung und Versorgungskonvois sowie eine auf der Quellseite zunehmende Bleibe-Disposition. Das Ergebnis war, dass von den nach der deutschen Volkszählung vom 20. November 1944 noch in Kurland erfassten 297.000 Zivilisten – darunter etwa 70.000 ostlettische Binnenflüchtlinge – die über große Mehrheit nicht mehr nach Westen verschifft wurde, sondern Anfang Mai 1945 in den Kapitulationsraum der Heeresgruppe Kurland geriet.
Die Untersuchung hat die seewärtige Verschiffung baltischer Zivilisten zwischen Juli 1944 und Februar 1945 anhand zweier komplementärer Quellbestände – der HMA-Datenbank und der von Kangeris erschlossenen Aktenüberlieferung des Heereswirtschaftsführers Heeresgruppe Nord – rekonstruiert und drei zusammengehörige Befunde herausgearbeitet, deren Konvergenz das Bild der baltischen Räumung gegenüber der älteren Forschung in mehrfacher Hinsicht verschiebt.
Die Verschiffung verlief als Welle mit präzise datierbarem Höhepunkt zwischen Mitte Oktober und Mitte November 1944, gefolgt von einem gestaffelten Rückgang über vier Monate, der im Februar 1945 zum nahezu vollständigen Stillstand der Kurland-Verschiffung führte. Die Staffelung des Rückgangs schließt eine monokausale Erklärung durch einen einzelnen, erst Anfang 1945 einsetzenden Auslöser aus; die regionale Asymmetrie zum gleichzeitig anlaufenden Unternehmen „Hannibal" schließt eine Erklärung durch ein generelles Erlahmen der Ostsee- Schifffahrt aus.
Die Verschifften stellten keine homogene Population dar, sondern ein heterogenes Aggregat unterschiedlich motivierter Personengruppen, deren Anteile sich im Verlauf der Phasen systematisch verschoben. Die in der Reichsleitungs- Anweisung vom März 1944 fixierte Hierarchie strukturierte die Anschwellphase, in der prioritär Funktionseliten und deutschfreundliche Bevölkerungsteile in geordneten Transporten ins Reich gelangten. In der Hauptphase kippte das Selektionsprinzip vom selektiven zum pauschalen Zugriff; die polizeiliche Aufgreif- Praxis erfasste nun breitere Bevölkerungsschichten. Was nach Mitte November in Kurland verblieb, war kein zufälliger Querschnitt der Vorkriegsbevölkerung, sondern ein durch zwei vorgängige Selektionswellen – Legionsmobilisierung und Sauckel- Aktionen – sowie durch Anschwell- und Hauptphase der Verschiffung ausgesiebter Rest, der zunehmend aus bewusst Bleibenden, Bleibenden aus Fehleinschätzung und nicht- gehen- Könnenden bestand.
Der Bruch der Verschiffung lässt sich auf der Aktenlage nicht als Vollzug eines Stoppbefehls rekonstruieren – ein solcher ist in der dokumentierten Überlieferung nicht auffindbar –, sondern als Bewirtschaftungsergebnis innerhalb des durch Hitlers Festhaltungs- Entscheidung gesetzten politischen Rahmens. Die operative Dynamik konvergiert in drei phasengestaffelten Mechanismen: kategoriale Nachordnung der baltischen Zivilbevölkerung in der deutschen Prioritätenhierarchie unter dem Brückenkopf- Status, physische Tonnage-Reduktion und militärische Verdrängung durch Verwundeten und Versorgungstransporte, schließlich „Hannibal" als Schlussklammer. Hinzu treten als phasenübergreifende Faktoren die sowjetische See- und Luftbedrohung sowie eine quellenseitig zunehmende Bleibe- Disposition. Diese Lesart entspricht dem Befund, dass die Schiffe weiterfuhren, aber nicht mehr für die Zivilbevölkerung; sie erklärt die regionale Asymmetrie zwischen Kurland und der ostpreußisch- westpreußischen Räumung; und sie operiert ausschließlich mit dokumentierter Tonnage-Bewirtschaftung, nicht mit einem Stoppbefehl, der nicht existiert.
Aus diesen drei Befunden ergibt sich eine doppelte Verschiebung der Forschungsperspektive. An die Stelle monokausaler Erklärungen – sei es durch einen einzelnen Auslöser, sei es durch eine Erschöpfung des Reservoirs – tritt ein zeitlich gestaffelter Verbund mehrerer Faktoren, in dem keine einzelne Linie für sich genommen den vollen Befund trägt. Und die Nicht-Verschiffung der Ende 1944 in Kurland anstehenden Wartenden erscheint nicht ausschließlich als deutsche Unterlassung, sondern auch als Ergebnis der auf baltischer Seite wirksamen Bleibe-Motive und der ungleichen Möglichkeiten, sich der deutschen Verschiffung zu entziehen. Die deutsche Selektionspraxis und die baltische Selbstselektion wirkten zueinander spiegelbildlich; ihre Wechselwirkung prägte gemeinsam, wer am Ende der Hauptphase nach Westen gelangte und wer in den Kapitulationsraum der Heeresgruppe Kurland geriet.
Die hier vorgelegte Verbundhypothese hat den Charakter eines Erklärungsrahmens, der die literaturseitig gesicherten Bausteine konsistent zusammenführt. Eine Gewichtung der drei phasenspezifischen Mechanismen wäre erst mit einer quellennahen Auswertung des Kriegstagebuchs der Seekriegsleitung, des Bestandes BArch- MA RW 46/29 und der Kriegstagebücher des Befehlshabers im Ostseeraum zu leisten; die demographische und biographische Bilanz der in Kurland verbliebenen Zivilbevölkerung wäre auf der Grundlage sowjetischer und lettischer Aktenüberlieferung systematisch zu rekonstruieren. Beides sind eigene archivarische Aufgaben, die an die hier vorgelegte Rekonstruktion anschließen können.
Fußnoten:
[1] Im Text werden die damaligen, nicht die heutigen Ortsnamen verwendet, da auch im Quellenmaterial diese Namen verwendet; andernfalls entstünde eine begriffliche Konfusion.
[2] Datenbank Flucht über die Ostsee 1944/1945, erstellt und gepflegt von Thomas Weis im Rahmen des Historischen Marinearchivs (HMA), online unter
Projekt Ostseeflucht
Ausgewertet wurden unter anderem die Kriegstagebücher der Kriegsmarinedienststellen Pillau, Gotenhafen, Danzig, Königsberg, Libau,Memel und Stettin sowie der übergeordneten Stäbe (National Archives and Records Administration, NARA, Microfilm Publication T1022), die in Bletchley Park entzifferten DEFE-3-Funksprüche der ULTRA-Aufklärung sowie Erlebnisberichte (z.B. aus der Sammlung Krannhals [Bundesarchiv, BArch Ostdok 4/8 bis 4/66]).
Die hier vorgelegten Auszählungen und Aggregationen sind eine eigene Auswertungen auf Grundlage des Datenstands April 2026.
[3]
Auslaufdatum nach KTB Kriegsmarinedienststelle Danzig, Eintragungen vom 21. und 22. September 1944 (BArch-MA / NARA T1022, Roll 2600); bestätigt durch Paas (1964) und die offizielle Verlautbarung der Republik Estland
(Eesti Vabariigi Välisministeerium 2024).
[4]
Die Auszählung erfolgt in drei Schritten. Erstens wird in zwei Filterstufen gefiltert, weil die Anmerkungsspalte der Datenbank zwischen den Begriffen Flüchtling, Evakuierte und Zivilist nicht trennscharf unterscheidet (Weis 2024, Einleitung). Der enge Filter erfasst ausschließlich Datensätze mit ausdrücklichem Vermerk Flüchtling; der erweiterte Filter ergänzt „Evakuierte/evak.“, „Zivilist“ und „Zivilperson“. Beide Filter schließen Negationen („Keine Evakuierung“) aus. Die Trendaussage ist gegen Filteränderungen robust. Zweitens wird zur Bestimmung der Reisezahlen ein Hybrid-Verfahren angewandt: Für die 21 Schiffe mit den meisten Datensätzen liegen schiffsspezifische Detailtabellen von Weis vor, in denen jede Reise eindeutig nummeriert ist; aus diesen wird die Reise-Zahl direkt übernommen. Für die übrigen rund 95 Schiffe – die jeweils nur ein bis vier Datensätze haben – wird jede Datenzeile als eigenständige Reise gewertet. Drittens werden bei den 21 Schiffen mit Detailtabelle die Personenangaben der Datensätze gemittelt, um den durchschnittlichen Personenanteil pro Reise zu bestimmen.
[5]
Die in der Anmerkungsspalte aggregierten Personenzahlen sind Schätzwerte, die aus Funksprüchen, Schiffstagebüchern und Sekundärliteratur zusammengetragen wurden. Sie sind als Größenordnung verlässlich, im Einzelwert aber nicht punktgenau zu lesen (Weis 2024, Einleitung).
[6]
Die HMA-Datenbank und Kangeris (2016) erfassen unterschiedliche Größen. Die HMA verzeichnet sämtliche Personen an Bord der ausgewerteten Schiffe – Letten, Esten, Russen, Reichsdeutsche, Wehrmachtsangehörige, OT-Arbeiter, Häftlinge und andere – ohne Differenzierung nach Nationalität. Kangeris hingegen wertet das Kriegstagebuch des Heereswirtschaftsführers beim Oberkommando der Heeresgruppe Nord aus (BArch-MA, RW 46/29), das die in Gotenhafen angelandeten lettischen Zivilflüchtlinge als eigene Erfassungskategorie führt; reichsdeutsche Mitfahrer, Wehrmachtsgefolge und Verwundete sind dort nicht eingerechnet. Die beiden Quellen sind komplementär: Die HMA liefert die Gesamtgröße der Verschiffung, Kangeris die nationalitätenspezifische Lettland-Bilanz.
[7]
Kangeris (2016, 119–121) auf Grundlage der von ihm 2010 im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg erschlossenen Bestände Kriegstagebuch der Seekriegsleitung (BArch-MA, RM 7), Wirtschaftsstab Ost mit nachgeordnetem Bereich (BArch-MA, RW 31) sowie Nachgeordnete Dienststellen des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes bei Stäben des Heeres und für besondere Aufgaben (BArch-MA, RW 46/29: Heereswirtschaftsführer beim Oberkommando der Heeresgruppe Nord).
[8]
Kangeris (2016, 124–125, Tabelle 6) auf Grundlage desselben Bestandes. Die ältere Annahme – Kangaris verweist auf Rasmanis (1949) und die Latvju enciklopēdija (1950) – von 60.000 Letten aus Liepāja und 30.000 aus Ventspils ist nach Kangeris auf 40.000 bzw. 8.500 zu korrigieren.
[9]
Kangeris rundet auf 25/50/25; die exakten Anteile sind 24,6/53,8/21,6.
[10]
Howard D. Grier, Hitler, Dönitz, and the Baltic Sea: The Third Reich's Last Hope, 1944–1945, Annapolis: Naval Institute Press 2007, hier insbesondere Kap. 5 („Evacuations“) und Kap. 7 („Dönitz“). Die im Folgenden zitierten Belegstellen werden mit Druckseiten der gebundenen Ausgabe nachgewiesen.
[11]
In der Forschungsdebatte über Hitlers Halte-Entscheidung vertritt Karl-Heinz Frieser eine eigene Sicht. Hitlers Festhalten an Kurland sei Element einer zwar unrealistischen aber doch kalkulierten Doppelstrategie gewesen: Kurland als Brückenkopf für eine geplante Zangenoperation nach erfolgreicher Westoffensive halten (siehe dazu die im Literaturverzeichnis genannten Inteviews). Diese Lesart steht in der Forschung weitgehend allein gegen die strukturalistisch- doktrinäre Mehrheitsposition (Bernd Wegner) und gegen die wahrnehmungspsychologische Linie (Ian Kershaw, Heinrich Schwendemann). Für die hier zu untersuchenden Folgen der Halte-Entscheidung auf die Zivilverschiffung ist die Wahl zwischen diesen Hitler-Deutungen ohne Belang: In allen Lesarten resultiert dasselbe operative Ergebnis – Kurland wird nicht geräumt, sondern als zu versorgender Brückenkopf bewirtschaftet.
[12]
Bei Antons (2017, 238, Anm. 30) als RKO Lohse (gez. Trampedach) an General- und Gebietskommissare, 19.4.1944, BA, R6/136 Flüchtlinge, pag. 75. Die Anweisung steht im Zusammenhang mit der vom RMO bereits am 13. März 1944 gegenüber der Wehrmacht erhobenen Forderung, die Zwangsevakuierungen auf wehr- und arbeitsfähige Männer zu beschränken, da das RKO mit der Aufnahme weiterer Personenströme überfordert sei (Antons 2017, 238, Anm. 27, 29).
[13]
Grier 2007, 138: „Massive air raids in mid-December 1944 sank or damaged over a dozen vessels, reducing the tonnage allotted for Courland’s supply by 25 percent.“ Eine vergleichbare Zerstörungsbilanz für Windau ist bei Grier nicht dokumentiert; das Auslaufen der Windau-Verschiffung in der zweiten Dezemberhälfte (Kangeris 2016, 125) folgt vermutlich anderen Faktoren, vor allem der vorgelagerten Erschöpfung des dort verfügbaren Reservoirs (Windau hatte mit 8.500 lettischen Zivilflüchtlingen bis 15. Dezember 1944 ohnehin nur ein Viertel des Libau-Volumens erreicht).
[14]
Grier 2007, 137: „Available evidence indicates that supply convoys maintained approximately the same tonnage at least until mid-January 1945. A sharp decrease occurred in February, when an average of slightly less than 714 tons of goods reached Courland daily.“ Der Februar-Wert entspricht etwa einem Viertel der Vormonatswerte.
[15]
Grier 2007, 152–153, zum 23. Januar 1945 als „a dark day for the German Navy“: Die Skl wird angewiesen, die ostpreußischen Häfen evakuierungsfähig zu machen; gleichzeitig muss Tonnage aus dem Norwegen- Verkehr in die Ostsee verlegt werden, weil die einheimische Reichweite nicht reicht.
[16]
Aus den im (b)-Teil genannten Februar- Werten – rund 66 Schiffe aus Libau und Windau, davon ausweislich der HMA-Anmerkungsspalten bis auf zwei Ausnahmen reine Soldaten- und Verwundetenrückführungen – ergibt sich der Befund einer reinen Umwidmung des Schiffsraums, der Hafenbetrieb endet nicht; nur die zivile Nutzung der ausgehenden Konvois bricht ab.
[17]
Zum Schweden-Komplex vgl. Felder 2007, 143, zur LCP- Bootsroute nach Gotland (rund 2.500 Personen zwischen August 1944 und Mai 1945) sowie Grier 2007, 92 und 230, zur Schließung der schwedischen Ostsee- Hoheitsgewässer für ausländische Schifffahrt am 26./27. September 1944. Letztere betraf primär den deutschen Erzimport, schloss aber faktisch auch einen neutralen Hafen- Korridor für eventuelle deutsche Zivilevakuierungen über See aus.
Antons, J.-H.: Flucht ins "Dritte Reich". Wie Osteuropäer Schutz im NS-Staat suchten (1943–1945), in: Zeit- historische Forschungen 14 (2017), 231–257.
Felder, B. M., »Tod dem Roten Terror!« Antikommunismus, gesellschaftlicher Konsens und Widerstand in Lettland 1943 bis 1946. in: JHK 2007, 137-159.
Feldmanis, I., Latvia under the Occupation of National Socialist Germany 1941-1945, in: V. Nollendorfs/ E. Oberländer, The hidden and forbidden History of Latvia under Soviet and Nazi Occupations 1940-1991, Riga 2005, 77-91.
Frieser, K.-H., Ardennenoffensive: Hitlers letzter Sieg hätte die Atombombe bedeutet. Interview mit S.-F. Kellerhoft, in Die Welt Online vom 05.01.2015 - Welt Geschichte
Frieser, K.-H., Kriegsende 1945: In Kurland verschliss Hitler seine besten Truppen. Interview mit S.-F. Kellerhoft, in Die Welt Online vom 09.05.2015 - Welt Geschichte
Grier, H. D., Hitler, Dönitz and the Baltic Sea. The Third Reich’s Last Hope 1944-1945, Annapolis 2007.
Kangeris, K., Evakuacija/bēgšana no Latvijas 1944. gadā: jauns novērtējums uz jaunas datu bāzes. In: Latvijas Vēstures Institūta Žurnāls. 2016 ; Nr. 1, 111-135.
Lauska, L., Lettische Flüchtlinge in Deutschland nach 1944 und die Integration lettischer Exilschriftsteller: Jānis Jaunsudrabiņš und Pēteris Ērmanis, in: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte. Lüneburg: Nordost-Inst., 19, 2010, S. 220-244.
Laukaitytė, R., Die letzten Monate der deutschen Okkupation in Litauen: Die Flucht der Litauer nach Deutschland 1944 und ihre politischen Vorstellungen; übersetzt von Arthur Hermann, in: Annaberger Annalen 28/2020, 60-79.
Lembeck, A. (unter Mitarb. von Klaus Wessels), Befreit, aber nicht in Freiheit: Displaced Persons im Emsland 1945-1950, Bremen 1997.
Schön, H., Flucht über die Ostsee: Die größte Rettungsaktion aller Zeite, in: A. Surminski (Hg.) Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948, Hamburg: Ellert & Richter 2012, S. 100–117.
Myllyniemi, S., Die Neuordnung der Baltischen Länder 1941-1944. Zum nationalsozialistischen Inhalt der deutschen Besatzungspolitik, Helsinki 1973.
Nollendorfs, V., Heimat in der Ferne: Lettisches Nachkriegsexil 1944-1991, in: E. Oberländer at al. (Hgg.), Lettland 1918–2018: Ein Jahrhundert Staatlichkeit, Brill 2018, 111-124.
Weis, T., Flucht über die Ostsee 1944/1945 - Projekt Ostseeflucht.
Weis T., Datenbank der Schiffsfahrten mit Zivilanteil - Projekt Ostseeflucht.